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Den ganzen Tag hab ich mich gestern mit der irischen Geschichte beschäf­tigt, in der Hoff­nung, diesen Backstop zu verstehen. Der hat nämlich was mit der Ge­schich­te Irlands zu tun.

Der Backstop wird allgemein als der Knackpunkt beim Brexit gehandelt. Durch den Brexit hat UK eine Außengrenze auf dem Land und die verläuft aus­ge­rech­net über die Irische Insel, an der Grenze zwischen Nordirland und Irland … gut Gibraltar gibt es auch noch.

Die Iren wollen keine Grenzen mehr und auch die Mehrheit im Ulster hat deshalb gegen den Brexit gestimmt.

Bis 2020, spätestens bis 2022 soll das Problem gelöst werden. Bis dahin soll a) Nordirland im EU-Binnenmarkt verbleiben und b) Großbritannien in der Zoll­uni­on. Soweit ist man sich schon lange einig. Aber jetzt küttet: Wenn es nicht ge­lingt, eine Lösung zu finden, dann soll dieser Übergangszustand „ewig“ wäh­ren, so lan­ge, bis eine Lösung gefunden ist, denn UK kann den Backstop nicht ein­sei­tig kündigen und so lange auch keine Zoll-Abkommen mit jetzt noch Dritt­län­dern abschließen.

Muss das sein? nobody meint NEIN, wenn die Iren vor nix Angst haben müssen.

Wovor haben sie denn Angst? Dass mit der Grenze auch der Krieg wieder­kommt. Das klingt weit herge­holt, also muss man weit in die irische Ge­schichte zurückgehen.

Vor 100 Jahren gab es die Republik Irland noch nicht. Die Ablösung vom König­reich begann mit dem Osteraufstand 1916. Es folgte der Unabhängigkeitskrieg (1919 – 1921), an dessen Ende der Anglo-Irische Vertrag stand, der Irland die Unabhängigkeit, aber keine Einheit und deshalb keinen Frieden brachte.

Der Vertrag übernahm die Austrittsklausel aus dem Government of Ireland Act von 1920 und von der machte Nordirland unverzüglich Gebrauch und trat aus dem neuen Freistaat Irland aus.

Der Freistaat war noch konstitutionelle Monarchie, denn der König von England war zugleich König von Irland.

Das änderte sich durch die Verfassungsreform von 1936. Aus dem Freistaat wur­de die Republik Irland.

Durch den Republic of Ireland Act von 1949 trat die Republik aus dem Com­mon­wealth aus. Der Titel des Königs von Irland wurde erst 1952 im UK ab­ge­schafft.

Seit dem irischen Bürgerkrieg war es dann bis 1956 rela­tiv ruhig, aber die IRA träumte weiter von der Wiedervereinigung.

1950 begannen die Vorbereitungen zur Border Campaign. Von 1956 bis Ende 1961 führte die IRA einen Guerillakrieg gegen britische Einrichtungen in Nord­ir­land. Am Ende der Campaign hatte die IRA in der Bevölkerung keinen Rück­halt mehr und war auf wenige Hundert Mann geschrumpft.

Stattdessen begannen sich ab 1966 die Ulster Volunteer Force zu bewaffnen, de­ren Gründung am Ende der Compaign stand. Nun wurde der Konflikt ein reli­giö­ser. Katho­liken in Nordirland wurden diskriminiert und schließlich angegriffen und ermordet, was zum Wiedererstarken der IRA führte.

Es folgte der eigentliche Nordirlandkonflikt, dem bis 1975 ca. 3600 Menschen zum Opfer fielen.

Am 1.1.1973 traten Großbritannien und Irland der EU bei.

Am 10. April 1998 beendete das Karfreitagsabkommen den Konfikt.

Zu behaupten, die EU hätte zum Karfreitagsabkommen geführt, wäre falsch. Die Menschen waren diesen Bürgerkrieg satt und der Süden, die Republik Irland war bitterarm.

Das hat sich geändert. Aktuell haben Iren das fünfthöchste Pro-Kopf-Einkommen in Europa und haben die viel stärker, aber veraltet industrialisierten Nordiren ab­ge­hängt.

Jetzt hat Irland und seine Menschen was zu verlieren und dabei steht der Export nach UK (nach den USA) an zweiter Stelle.

Die gesellschaftliche Situation hat sich in Irland komplett auf den Kopp gestellt. Aus dem Land, das päpstlicher als der Papst war, ist eine regenbogen­kun­ter­bun­te Multikultination geworden mit einem offen schwulen Premier an der Spitze, das als erstes Land der Welt die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubte und jetzt das Ab­trei­bungsverbot aus der Verfassung gestrichen hat. Die Blasphemie ist ab­ge­schafft.

Von Irland wird unter diesen Umständen kein Krieg mehr ausgehen.

In Nordirland sieht das anders aus. Dort stehen noch die Mauern, auch wenn sie jetzt Mauern des Friedens heißen. Und diese Mauern trennen weiter die Re­li­gio­nen, was zu Wohnungs­problemen führt. Die katholischen Stadtteile werden zu klein, die protestan­tischen dünnen aus. Die Mehrheit der Nordiren ist mit 48% noch protestantisch. Beim Austritt aus dem Freistaat waren es 66%.

45% der Nordiren sind katholisch. In Kindergärten und Grundschulen sind es schon 51%.

Politisch, bei Wahlen wirkt sich das nicht aus, weil die Katholiken in Nordirland nicht automatisch Sinn Féin wählen, sondern auch Parteien der Unionisten, was umgekehrt bei Protestanten undenkbar erscheint.

Für einen Blick in die Zukunft nach dem Brexit muss man wissen, dass das Kar­frei­tagsabkommen eine Vereinigung von Nordirland mit der Republik vorsieht, wenn die Mehrheit der nord­irischen Bevölkerung das in einem Referendum so will.

Diese Mehrheit könnte kommen, nicht nur wegen der Fruchtbarkeit der Katholen in Ulster, sondern wenn der irische Tiger nach dem Brexit weiter springt als UK mit dem Norden der Insel.

Das finden die Iren in der Republik weniger gut als zu erwarten, weil die Wirt­schafts­leistung der Republik vier Mal größer als die Nordirlands ist, der Durch­schnitts­lohn im Süden 50 Prozent höher. Wenn man heute mit Iren … OK, wel­che in Wesseling und Umgebung … über die Wieder­verei­ni­gung spricht, dann wird ernst­haft auf die deutsche Wiedervereinigung verwie­sen und dass es schwer werde, die Nordiren in die Republik zu integrieren.

Ein Teil der Nordiren wird nach dem Brexit neidisch Richtung Republik schauen, aber ob im Guten oder Schlechten, das ist nicht ausgemacht. Der Drang zum Schlechten könnte sich ver­stärken, wenn die Binnen­grenze käme und dann die britische Wirtschaft abschmiert. Deshalb wollen alle in Irland, der Süden und der Norden den Status quo erhalten, der eine Wiedervereinigung überflüssig macht, weil er europäisch ist.

So, nun hat nobody viel über Hintergründe und Zusammen­hän­ge ge­pin­selt, aber welcher Meinung bin ich nun zum Backstop? Ich weiß es nicht, aber das Risiko der Verschlechterung ist groß.

Noch etwas Musik aus den dunklen Zeiten des Osteraufstandes als es begann:

Foggy Dew