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Das Buch „Das Bild des Soldaten“ von Heinz Karst hätte mich bei­na­he da­von über­zeugt, Berufs­soldat zu werden. Wer noch was über Heinz Karst weiß, der wird jetzt ein falsches Bild haben, denn Karst wird als Kommisskopp der „alten Schule“ verschrien, man könnte auch sagen Nazi. Aber was dazu ober­flächlich in der Wikipedia zu lesen ist, wird ihm nicht gerecht. Wenn er doch, wie ge­schrie­ben steht, ein Ver­fech­ter von Befehl und Gehorsam war, wieso hat er dann als Brigadegeneral dem Kanzler Helmut Schmidt den „Befehl“ verweigert und sich in den Ruhestand versetzen lassen? OK, Karst war auf die Sozis nicht gut zu sprechen, aber was er Schröder kurz vor seinem Tod quasi testa­men­ta­risch ins Stammbuch geschrieben hat, das kann wohl heute ex post jeder un­ter­schreiben und ist mein Credo in bezug auf alle Einmischungen außerhalb Europas:

    Ob man in Afghanistan bei der Jagd auf Bin Laden oder zum Sturz des Ta­li­ban-Regimes ,Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer ver­tei­digt‘, ist eine Frage, die die Bun­de­sre­gierung noch nicht beantwortet hat. Weiß Kanzler Schröder, was das heißen kann, wenn er von ,uneingeschränkter Solidarität‘ redet? Hat er sich überlegt, was das bedeuten kann, wenn es wirklich ein langer Krieg wird? (…) Mit Verwunderung, sagte General Karst, betrachte er die amerikanische Kriegsführung in Afghanistan.
    Die Russen haben doch gezeigt, daß sie den Widerstand der Afghanen nicht brechen konnten – trotz einer riesigen Armee, die sie dort einsetzten und die sich, militärisch gesprochen, gar nicht schlecht schlug. Nun wollen noch Freiwillige aus Pakistan gegen die Amerikaner kämpfen. In der islamischen Welt breitet sich die Meinung aus, daß es die Amerikaner in Afghanistan nicht schaffen. Gleich­zei­tig steigert sich der Antiamerikanismus und wächst der Zuspruch.
    Sollten nun angesichts dieser Lage vonseiten der USA Einsatzkräfte der Bundes­wehr angefordert werden, sei es unverantwortlich, wenn die Bun­des­re­gierung diesem Verlangen nachgebe. Nicht nur wegen der Frag­wür­dig­keit der Kausal­kette, die zu dieser Anforderung geführt hat (…). Un­ver­ant­wortlich ist es, daß dieser Anforderung zu einem Zeitpunkt statt­ge­ge­ben wird, wo die Bundeswehr im Umbau begriffen ist. Mit anderen, schärferen Worten: Die Bundeswehr befindet sich in einer der schwersten Krise ihrer Geschichte. In einer Situation, wo sie umgebaut und verkleinert wird, sollen Teile gleich­zei­tig in einen Krieg hineingedrückt werden, für den wir nicht vor­be­rei­tet sind. Die meisten rot-grünen Politiker haben von militärischen Dingen herzlich wenig Ahnung.

Frauen auch nicht, will nobody ergänzen, jedenfalls keine Uschi von den Lei­chen. Nur am Rande: Ich habe auch gelesen, was Emil Obermann über die deutsche Zivilgesellschaft und den Militarismus geschrieben hat … auch der hatte von „militärischen Dingen herzlich wenig Ahnung.

Keine Ahnung haben auch die „Soldaten“, über die VICE in einem Artikel be­rich­tet, auf den gestern User macintosh per Kommentar-Link hin­gewiesen hat. Danke dafür! Der Bericht ist nicht nur sehr gut geschrieben, sondern beschreibt auch seht gut das Bild eines anderen Soldaten, den der Soldateska.

Unter Soldateska verstehe ich nicht die Söldner, als die VICE die Marodeure im Donbass beschreibt, die auf Seiten des Rechten Sektors „kämpfen“. Die sind in der Tat beliebig und könnten auch für die rus­sischen „Separatisten“ kämpfen, die Kurden … was einige auch getan haben … oder den IS, wovon vielleicht der eine oder andere „Söldner“ beim Rechten Sektor träumt, weil man da noch grausamer sein darf.

Diese bewaffneten Menschen haben vom Soldatsein keine Ahnung. Es sind geis­tig un­ter­belichtete Sozio- und/oder Psychopathen, wie es sie im Dobass auch jenseits der Linie gibt, an der die Waffen nicht schweigen wollen, obwohl sie sollen. Kriminelle wie der gestern zerfetzte Plotnizki, der Sadist Bezler, der Kampfzwerg Motorola, aber auch sich vernünftig gebende Irre wie Gurken-Igor.

Es ist bezeichnend, das viele der bei VICE beschriebenen Irren zur fran­zö­si­schen Fremdenlegion wollten und alle abgewiesen wurden. Dort braucht man ein Mindestmaß an Grips und es sind zwar Söldner im Wortsinne, aber ihre Einheit ist Teil der regulären Armee eines Staates. Bei den sogenannten Freiwilligen-Batallionen der Ukraine ist das anders … offiziell anders. Denn wie VICE schön beschreibt, werden diese offiziell geächteten Einheiten inoffiziell vom ukra­ini­schen Staat, seiner Armee, dem Geheimdienst SBU und der Polizei unterstützt. Sie dürfen sollen, was der Armee der Ukraine nach Minsk II verboten ist: weiter aus die russische Seite schießen.

Um Sold geht es den Söldnern dabei nicht, sondern um die Verwirklichung ihres Menschenbildes, in dem sie sich dann für überlegen halten, wenn sie einen anderen halten, wenn sie einen anderen Menschen besiegt, im Idealfall getötet haben. Haben auch Gladiatoren so gesehen, aber ums eigene Über­leben ge­kämpft. Die Soldateska kämpft ums töten … wenn sie überhaupt kämpft, denn meist ist alles nur Show, Spiegelfechterei, um sich im eigenen Spiegel so sehen zu können, wie man sich selbst sieht.

Das Bild im Spiegel dieser Soziopathen hat aben nix mit dem Bild des Soldaten zu tun. Der Soldat ist immer Teil einer Gesellschaft. Die Gesellschaft bestimmt den Soldaten, die Schwachen zu schützen. In einer Gesellschaft ist jeder schwach, der als Individuum mehreren geordneten Angreifern gegenübersteht. Erfolgt der Angriff in militärischer Ordnung, dann kann sich der Einzelne und seine Gesellschaft nur militärisch geordnet dagegen zur Wehr setzen, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um einen Angriff von Außen oder von Innen han­delt.

Bis zu einem gewissen Grad und einer zu definierenden Größenordnung kann ein Angriff von innen heraus von der Polizei geordnet abgewehrt und unter Kontrolle gebracht werden. In der klassischen Aufgabenteilung von Polizei und Militär wä­re es hingegen egal, wie stark der Angreifer von jenseits der Grenze ist. Für ihn wä­re immer das Militär zuständig. Diese Aufgabenteilung gibt es schon lange nicht mehr. Die Grenzen werden gegen Angriffe von Einzelnen und kleineren Grup­pen durch den Grenzschutz „verteidigt“.

Im Inneren versucht man weiter krampfhaft die klassische Trennung aufrecht zu erhalten, weil es so im Grundgesetz steht. Zeiten ändern sich. Mag die Polizei mit ihren ziemlich militaristisch ausgestatteten und wirkenden Sonder- und Spezialeinheiten noch Herr der Lage werden, wenn eine Gruppe Militanter von zehn oder zwanzig Terroristen geordnet angreift, so sieht die Lage bei 100 und mehr schon anders aus. Spätestens seit Vladdie uns auf der Krim vorexerziert hat, wie es geht, sollte klar sein, dass so etwas von der Polizei nicht mehr zu regeln ist. Gleiches gild für den Donbass, selbst wenn man den als Vladdies Betriebsunfall ansehen will.

Die Aufgabe von Polizei und Militär ist identisch: Schutz der Gesellschaft in der Struk­tur ihres Staates. Wer von Beiden bei welcher Bedrohungslage zum Einsatz kommt, hängt nicht davon ab, von wo der Angriff erfolgt. Die Qualität und Quan­ti­tät des Angriffs muss den Ausschlag geben.

Da fällt mir gerade ein Kommentar ein, den ich die Tage im Spiegel gelesen habe zu der Frage, ob den die Polizei Maschinengewehre einsetzen könne. Der User meinte, ein MG sei eine Gefechtswaffe und weil sie nur Dauerfeuer schießen könne, auch nicht polizei­lich einsetzbar. Das sind die Argumente, mit denen die Bullshitter die öffentliche Diskussion beherrschen. Was waren das doch für herrliche Zeiten, als die Bobbies in London mit Trillerpfeife und Schlagstock aus­kamen. Der Grund, warum kein Flic in Nizza ein MG zur Hand hatte, ligt darin, dass damit nur Rambo aus der Hüfte schießen kann. Der Normalsterbliche muss mit der Puste in Stellung gehen, um sich von dme LKW überrollen zu lassen, be­vor er die Klappe über dem Munitionsgurt geschlossen hat.

Um den Schutz der Schwachen und der Gesellschaft geht es den „Söldnern“ im Don­bass nicht. Sie sind selbst Schwa­che … Geistesschwache und Verbrecher. Die Selbstverbrecher in Luhansk haben die Renten­kassen geplündert und zahlen Renten, wenn überhaupt, nur an den aus, der sie „gewählt“ hat. Die Verbrecher vom Rechten Sektor pressen den Bauern in der Ostukraine ab, was sie zum Le­ben brauchen … und mehr. Wo ist der Unterschied. Es sind Outlaws und das ist das Einzige, was sie zusammenschweißt. Sie wollen kein Gesetz achten, stel­len sich außerhalb der Gesetze, um dem obskuren Gesetz ihrer Gruppe zu fol­gen, dem Gesetz des Stärkeren. Das ist asozial.

Der Soldat ist das Gegenteil. Er schließt sich einer Gruppe an, die un­ter dem Kom­mando der Gesellschaft steht, die er verteidigt. Als „Antideutscher“ müsste ich damit Probleme haben, denn mit Patriotismus kann ich nix anfangen, denn Patriotismus ist bestenfalls die Vorstufe des Nationalismus, oft sogar in­halts­gleich. Um vom unsäglichen Nationalpatriotismus und seinen Kriegen weg­zu­kom­men, haben sich die zivi­lisierten Gesellschaften zusammengeschlossen. Weil Handelskriege oft zu echten Kriegen wurden, gibt es diese zivilisierten Zu­sam­men­schlüssen nicht nur in der Form einer EU, sondern auch der NATO.

Die sei überflüssig, sagen die Kremlratten, denn es gäbe ja auch keinen War­schauer Pakt mehr. Ja, wo isser denn hin, der Warschauer Pakt? Polen, CSSR, Ungarn, DDR und wie die anderen alle heißen, die nicht ungebetenen Besuch durch die befreundeten Panzer der Roten Armee bekommen haben, sind nun in der NATO. Warum wohl?

Ein Argument, die NATO abzuschaffen wäre, dass sich die Sowjetunion nicht nur in Russ­land umgetauft, sondern seit 1990 echt verändert hätte. Hat sie auch … versuchsweise. Und dann kam Vlad! Und mit ihm kam wieder die Sehnsucht nach dem starken Mann, nicht nur, aber vor allem in Deutschland.

Zivilisiert hat was mit Zivil zu tun. Der Zivile trägt keine Uniform und keine Waf­fen. Braucht er auch nicht, solange seine schwache Zivilgesellschaft über Uni­formierte und Bewaffnete verfügt, die in der Lage sind, die staatlichen Struk­tu­ren der Zivilgesellschaft zu verteidigen. Wer sich nicht innerhalb der NATO ver­tei­digen will … gegen wen auch immer … der braucht sich überhaupt nicht zu ver­tei­di­gen. Die NATO ist nicht nur ein Verteidigungs­bündnis, sondern auch ein Verband zur Kreigsver­hinderung innerhalb ihrer Partner, auch wenn das nicht immer gefunzt hat, wie man an der Türkei und Griechenland sehen konnte, aber die Türkei war immer schon ein spezielles Sorgenkind der NATO, nicht erst seit Erdogan.

Russland ist keine Zivilgesellschaft. Nehmen wir die russische Justiz als Beispiel. Gewaltenteilung? Und was trägt die hübsche Staatsanwältin auf der Krim? Uni­form. Die Bundesländer haben zwar einen Generalstaatsanwalt, aber Militär ist der nicht. Für das Schienen­netz Russ­lands sind die Eisenbahntruppen des Ver­tei­digungsministeriums zuständig. Alle wichtigen Posten in Staat und Ge­sell­schaft sind von Militärs und KGB-Leuten besetzt. Wie haben eine Pfar­rers­toch­ter zur Kanzlerin und ein Ärztin als Flinten-Uschi.

Russland ist so unzivilisiert wie die Verbrecher, die es im Donbass unter­stützt. Aber … und nun kommt die Krux meines Senfs … das gilt auch für die Ukraine. Eine Gesell­schaft, oder auch nur ein Staat, der sich solcher Frei­willigen-Batail­lone wie dem Rechten Sektor, Asow usw. bedient, ist ein failed state und die haben in der NATO nix verloren. Das habe ich bisher übersehen, wenn ich die Ukraine als Ersatz für die Türkei an die Südostflanke der NATO gepredigt habe. Das ist ein Lern­effekt infolge des VICE-Artikel. Solange die Ukraine diese Sol­da­teska nicht entwaff­net und entmachtet hat, kann sie kein NATO-Mit­glied wer­den, denn in der NATO gibt es ein einheitliches Bild des Soldaten: Er ver­tei­digt die zivi­lisierten Werte der freien Welt. Die Söldner im Donbass ver­tei­digen nicht einmal ihre eigene kümmerliche Existenz, sondern sprengen sich selbst in die Luft, wenn sie mal wieder besoffen auf der Treppe ausrutschen.