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Merhaba! nobody wollte was über den türkischen Putschversuch pinseln, aber dann ist mir aufgefallen, dass nobody ja gar keine Ahnung hat. Ich war noch nie in der Türkei und beabsichtige in diesem Leben auch nicht mehr hinzufahren, ob­wohl ich gerne Istanbul sehen würde.

nobody hat auch keine Ahnung davon, wie so ein Coup d’État funzt. Wenn es dazu in Koblenz einen Kurs gegeben haben sollte, dann habe ich den verpennt … was unwahr­scheinlich ist, weil ich schon wegen der Zulagen jeden Lehrgang mitgenommen habe.

Was ich wohl mitbekommen habe ist, wie man die „innere Vaterlandsruhe“ wie­der­finden kann :mrgreen: Da hat sich nobody gedacht, machste das wie die Hacker mit Reverse Engineering. Aber dazu braucht man tools. Also hat sich nobody das Standardwerk des Staatsstreichs gesaugt (immer diese Russen 😆 PDF 13,4 MB 😎 auf 234 Seiten): Coup d’État: A Practical Handbook von Edward N. Lutt­wak. Das hat sich nobody dann rein­ge­pfif­fen und zugleich die Wiki über die Tür­kei und so befragt.

Was dabei rausgekommen ist, erzählt nobody schnell in 3 Minuten im „Putsch 4 Dummies“ … in der Kürze liegt die Würze und viel­leicht fällt dann nicht auf, dass ich keine Ahnung habe. Los geht’s!
headcoup
Osmanisches_ReichAls Osmanisches Reich war die Türkei mal größer. Vom Sultanat verblieben nach dem Friedensvertrag von Sèvres noch Ana­to­lien und Thrakien. Der Rest sollte weiter zer­stückelt werden, aber da hat sich Mus­tafa Kemal Pascha kriege­risch er­folg­reich ge­gen ge­wehrt. Seit dem ist der Pascha der Va­ter al­ler Tür­ken, oder, wie Hes­sen sa­gen, der Baba 😆 und so nann­te sich Pa­scha auch seit 1934: Pascha und Türk = Papa­türk = Atatürk :mrgreen:

Atatürks Staatsphilosophie nennt sich Kemalismus und der be­steht aus sechs Prin­zipien: türkischer Nationa­lismus, Laizismus, Republikanismus, Etatismus, Re­vo­lu­tionismus und Populismus. Wenn man das mit dem heu­ti­gen Ehrdo­Wahnis­mus ver­gleicht, dann hat sich bis auf den Laizis­mus nicht viel ge­än­dert. Kemal hat das Kopp­tuch verboten und Recep Tayyip führt es wieder ein. Und ein rich­tiger Demo­krat war der Kemal auch nicht … eher ein Pascha und auch ein biss­chen ein Mili­tarist, aber im gu­ten Sinne: Si vis pacem para iustitiam … Wenn du Frie­den willst, be­reite dich auf Krieg vor. Er hat sich gedacht, was ihm gut ge­tan hat, tut auch anderen jungen Män­nern gut und die tür­kische Armee zur Schu­le der Nation gemacht.

Auf diesen Kemal Pascha folgten Türken, die mehr und mehr Sultan werden wollten. Das gefiel der Schule der Nation nicht, die sich in einer Wächter­funktion über das Erbe von Atatürk sah und gleichzeitig einen Staat im Staat dar­stellte.

Um ihrer eigenverständigen Rolle gerecht zu werden, hat das tür­ki­sche Mi­li­tär regel­mäßig geputscht:

  1. 1960 – hat geklappt. Aus­löser war, dass die herrschende Partei DP unter Adnan Menderes als Minister­präsidenten dem Islam wieder eine größere Rolle im öffentlichen Leben einräumen wollte, was einen Bruch mit dem prak­ti­zier­ten Laizismus dar­stellte. Und dann hat Menderes den Oberbe­fehls­ha­ber Ce­mal Gürsel abge­setzt und es hat Putsch ge­macht. Nach­dem die alte kor­rup­te Garde gehängt und eine neue Verfassung instal­liert war, hat sich das Militär nach einem Jahr (1961) wieder in die Kasernen zurück­gezogen.
  2. 1971 gab es eine Art kleinen Putsch der Armee, die die Zivilregierung zwang, härter gegen den Terror, aber auch gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen. Hat im Prinzip geklappt, war aber aus heutiger Sicht nicht so gut.
  3. 1980 gab es dann den nächsten Militärputsch in der Türkei, weil das Land nicht nur aus Sicht der Schule der Nation im Chaos zu versinken drohte. Generalstabschef Kenan Evren versuche es am 7. Dezember 1979 zunächst auf die halbweiche Tour aus 1971, indem er den damaligen Staats­prä­si­den­ten Fahri Korutürk in einem Memorandum ermahnte, das Chaos zu beenden. Dessen Amts­zeit war im April 1980 vor­bei, ohne dass sich was geändert hat und das türkische Parlament konnte sich in 115 Wahl­gängen (!) 😯 bis Sep­tem­ber 1980 nicht auf ein neu­es Staats­ober­haupt ei­ni­gen. Da ist Evren die Hut­schnur ge­platzt und er hat den schon zwei­mal ver­scho­be­nen Putsch durch­ge­zo­gen. Hat geklappt, hat­te aber in der Fol­ge nix mehr mit De­mo­kra­tie zu tun. Die kam erst 1993 wie­der, aber das kann man auch an­ders se­hen. Im­mer­hin hat das Mili­tär eine neue Ver­fas­sung durch­ge­drückt, wo­nach spä­tes­tens im drit­ten Wahl­gang ein Prä­si­dent fest­steht.
  4. 2016: Hat nicht geklappt und ist auch ganz anders abgelaufen als alle Putschs zuvor, wie der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, gestern in der Frankfurter Rundschau zutreffend feststellte … manch­mal hat er noch lich­te Momente.

Kujat weiter:

    Dass der Putsch fingiert sei, halte er für äußerst unwahrscheinlich – zumal sich so etwas nicht kontrollieren lasse. Es falle aber unter anderem auf, dass Richter und Staatsanwälte festgenommen würden, die mit der Sache gar nichts zu tun hätten. Und Erdogan selbst habe den Putschversuch als „Ge­schenk Gottes“ bezeichnet. Kujat kritisierte dies mit den Worten: „Der liebe Gott wird für alles Mögliche missbraucht.“
    Noch lasse sich die Angelegenheit nicht vollständig überblicken, betonte der früher ranghöchste deutsche Soldat. Doch es gebe ein altes Sprichwort. Es laute: „Die Sonne bringt es an den Tag.“

Also das mit der Sonne ist so eine Sache, denn es gibt Stellen, da kommt sie nicht hin, aber sonst bin ich mit Kujat ausnahmsweise einer Meinung, dass der Putsch kein „Inside job“ war. Warum? Bauch!

Inside jobs“ sind ja immer per se VT. Ist bei einem Putsch aber nicht weiter schlimm, denn der hat immer was mit Verschwörung zu tun. Warum sollte es dann nicht auch eine Verschwörung hinter der Verschwörung geben? Zu kom­pli­ziert und gar nicht nötig. Jetzt kommt mein Tool ins Spiel, das Buch von Luttwak:

Die Info-Lage ist zwar immer noch dürftig, aber an dem gescheiterten Putsch­ver­such waren Tausende Soldaten beteiligt, jedoch nicht die Militärführung. Gesteuert wurde das Ganze von einer in Istanbul liegenden Division, die aber über vertrauensvolle Beziehungen zu einer Einheit in Ankara verfügen muss. Auch ein Putsch 4 Dummies bedarf der Vorbereitung. Dass diese Vorbereitung dem wirklich exzellenten türkischen Geheimdients verborgen geblieben sein soll, glaubt nobody im Leben nicht.

In den vergangenen 30 Stunden sind fast 3000 Richter und Staatsanwälte ab­ge­setzt und heute etwa 170 verhaftet worden. Jede Menge Soldaten wurden ver­haf­tet. Dass unter den Verhafteten auch Erdoğan-loyale geheime Eichkater sind, war bislang nicht zu vernehmen. BTW: Die Schnelligkeit, mit der die schwar­ze Liste der Justiz aus dem Turban gezaubert wurde, muss schon er­stau­nen 😆

Die Medien hat Erdoğan schon vorher kastriert und die Armee ist längst kein Staat im Staat mehr, nachdem Erdoğan viele an der Spitze ausgetauscht hat, was auch zur Folge hatte, dass der Generalstab, anders als bei den früheren Staatsstreichen, nicht involviert war.

Gescheitert ist der Putsch 4 Dummies aber nicht nur daran, sondern vor allem an der fehlenden Unterstützung des Volkes, wenn man mal von ein paar Sym­pa­thisanten in Istanbul absieht. Das war früher anders. Beim letzten Putsch haben über 90% der Türken für die Militärverfassung gestimmt, weil das Volx vom Chaos den Schnauz­bart voll hatte. Die Türkei ist zwar keine Vorzeige-Dem­o­kra­tie, aber Erdoğan ist halbwegs demokratisch an die Macht gekommen und hat im bestens infor­mierten Teil Anatoliens unter den Ziegen­hirten großen Rück­halt, wie man an den bin­nen knapp zwei Stunden mit Bussen angekarrten Pro-Erdoğan demonstrierenden Bäuerlein sehen kann. Interessant auch die in Berlin und andernorts vorexerzierten Demos zu einem Zeitpunkt, als in der Tür­kei selbst noch kein Schwein wusste, was eigentlich abgeht.

Und nicht zuletzt ist der Coup d’état 4 Dummies an „technischen“ Mängeln gescheitert, der Unzeit. Um kurz nach 20 Uhr Ortszeit ging es los mit der Sperrung von 2 der 3 Bosporus-Brücken in einer Richtung. Warum nicht alle 3 und warum nicht in beide Richtungen und überhaupt, was sollte das? Anyway … da war es noch nicht einmal richtig dunkel. Wollten die Putschisten um Mit­ter­nacht wieder daheim bei Muttern sein? Die beste Zeit für so ’ne Aktion liegt um 3:30 h, wenn man die meisten Menschen im REM erwischen kann.

nobody hat ja zuerst gedacht, der EhrdoWahn sitzt mit seiner Alten im 1000-Zimmer-Palast von Ankara und guggt sich das Spektakel in der Glotze an, aber der Macker war auf Urlaub in Marmaris. Haben die Putsch-Clowns wohl auch nicht gewusst und deshalb Scheingriffe auf Erdoğans Hütte in Ankara geflogen, anstatt Recep in Marmaris unter Hausarrest zu stellen und zu isolieren.

Eine andere Unzeit meint heute in der NZZ der profunde Türkeikenner Prof. Udo Steinbach, wenn er sagt:

    Ja, die türkische Armee hatte sich letztmals 1980 erhoben. Das war damals ein richtiger Putsch, der von oben nach unten durchstrukturiert war. Man hatte das Gefühl, dass die türkische Armee das nicht wiederholen würde, vor allem auch deswegen, weil ein Militärcoup eben einfach nicht mehr zeit­ge­mäss ist. Zum anderen hatte man den Eindruck, dass es Präsident Recep Tayyip Erdogan gelungen ist, die Rolle der Armee zu schwächen. Jetzt ist klar, dass dies nicht ein Putsch der Armee ist, sondern nur eines Teils der Armee.

Das Interview sollten Sie komplett lesen. Mehr als das übliche Gefasel. Mi­li­tä­risch kurze und präzise Antworten auf klare Fragen der NZZ.

Langer Rede kaum Sinn: Recep Tayyip Erdoğan steckt zwar nicht hinter dem Putschversuch, aber er war mehr als nur vorgewarnt. Er war „eingeweiht„, wenn ich das so übertrieben sagen darf. Wahrscheinlich kannte er nicht den Zeitpunkt des Coup-Beginns, aber er wusste, dass er das Problem handhaben, beherrschen und zu seinem Vorteil nutzen kann.

Wie viele Minuten? OK, mehr als 3 😛