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Bei dem Mistwetter muss ich an den Sommer denken, also auch an Urlaub. Wa­rum nicht Estland? Woll­te ich immer schon mal hin. Aber wie? Klar, flie­gen. Bei 1500 km Luft­linie Köln – Tallinn ist die Bahn­fahrt schon der hal­be Ur­laub. Wenn flie­gen, dann aber auch stan­des­gemäß anreisen, also mit der lokalen Air­line, der Estonian Air. Erstes Pro­blem: die Estonian hat Ende 2015 Pleite ge­macht …
estonian air
und Tschüss 😦 Jetzt fliegt die „Adria“ aus Slowenien als Ersatz für die neu gegründete Nordic Aviation. Nee, muss ich nicht haben. Muss ja auch nicht Tal­linn sein. Die drei baltischen Länder und ihre Haupt­städte liegen so dicht bei­ein­ander … also habe ich es mit Vilnius und der Air Lituanica versucht. Auch pleite 😯 Was ist da los?

Ganz einfach: Estland, Litauen und Lettland haben zusammen 6,3 Millionen Ein­wohner und hatten drei nationale Fluglinien. Der nationale Wahnsinn ist los. Die eigene Fluglinie als Prestige­objekt. Hat Estland Millionen Euro Subventionen ge­kos­tet, bis die EU es verboten hat und Estonian Air zurückzahlen musste, was sie natürlich nicht konn­te … Exitus. Air Lituanica hat sich selbst sub­ven­tio­niert. Die haben ihre Rechnungen nicht bezahlt :mrgreen:

Bleibt offiziell nur die Air Baltic mit Sitz im lettischen Riga, aber die fliegt dorthin von Düsseldorf aus und will mit allem rund 140 Euro für den Hinflug. Immerhin bil­li­ger als die gute alte Lufthansa, die zwar von Köln nach Tallinn fliegt, aber da­für 230 Euro will. Und dann kommt die Ryan Air und macht’s für schlappe 40 ab Köln direkt nach Riga, alles drin 😎 Na für die Differenz kann ich doch von Riga mit dem Taxi nach Pärnu fahren.

Es geht nobody natürlich nicht um einen Urlaub in Estland, sondern um das Ver­kehrs­chaos auf dem Baltikum. Diese drei Zwerg­staa­ten haben es in über 10 Jahren EU nicht auf die Reihe gebracht, dem Vorbild der skandinavischen SAS zu fol­gen und eine gemein­same Fluglinie auf die Beine zu stellen.

Der Wahnsinn setzt sich bei den Flughäfen fort. 5 Flughäfen sind im Baltikum auf kleinstem Raum noch für den zivilen Verkehr in Betrieb. Neben den Haupt­stadt-Flug­häfen in Tallinn, Riga und Vilnius hat Litauen noch Flug­hä­fen in Kau­nas (da kann man von Vilnius aus hin­radeln) und dem Ost­see­bad Palan­ga. Der Flug­ha­fen Šiauliai wird ja nur noch von der NATO genutzt.

Das Verkehrschaos geht am Boden weiter. Dass Estland keine Autobahnen hat, mag noch zu verschmerzen sein, aber dass es keine Bahnver­bindung zwischen den drei bal­tinschen Hauptstädten gibt, ist eine Frech­heit. Die Balten fahren stattdessen Bus, von Tallinn nach Vilnius ca. 9 Stunden. Die braucht der auf der alten russischen Breitspur rumpelnde Zug aber schon bis Riga und man muss dazu umsteigen. Will man weiter von Riga nach Vilnius, ist man bald den ganzen Tag unterwegs und muss in Daugavpils sogar übernachten:

    Riga ab 16:12 Uhr
    Daugavpils an 19:04 Uhr
    —Übernachtung—
    Daugavpils ab 7:16 Uhr
    Vilnius an 9:18 Uhr

Jetzt steckt die EU über zwei Milliarden in das Projekt Rail Baltica, eine direkte Verbin­dung von Tallinn über Riga nach Warschau auf der normalen Europa-Spur. Keine der beste­henden balti­schen Bahn­linien konnte sich dazu herablassen, bei dem Projekt mitzumachen, weswegen eine neue Gesell­schaft ge­gründet wurde. Die Züge sollen auf der neuen Strecke, die Vilnius links liegen lässt, über 200 km/h schnell fah­ren, was die Fahr­zeit Tallin – Kaunas auf gut zwei­einhalb Stun­den re­du­zie­ren wird … aber erst in acht Jahren 🙄
RBGC
Anstatt das Projekt Rail Baltica zu forcieren, denken die Sesselpupser in Brüssel und Tallinn darüber nach, unter der Ostsee einen Tun­nel nach Finnland zu bud­deln, den längsten Unter­see­tunnel der Welt. Kosten­punkt 3 Mil­liarden nach oben offen. Da wäre eine Hoch­ge­schwindig­keits-An­bindung nach Sankt Peters­burg sinn­voller, was aber nur funzt, wenn die Russen wenigstens auf dieser Strecke die Euro­paspur über­nehmen (1.435 mm statt 1.524 mm). Für die 350 km lange Reise St. Petersburg – Tallinn benötigt man heute lächerliche 6 Stun­den und das ist der Expresszug 😯