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Ein aggressiver, wüster und vulgärer Ton
Golineh Atai ist ARDKorrespondentin in Moskau. Seit Beginn der Krise in der Ukraine berichtet sie häufig von dort. Die ARD-Korrespondentin Golineh Atai über Beschimpfungen und Morddrohungen aufgrund ihrer Berichte aus der Ukraine. Ein Gespräch
auf der ZEIT von heute (Printausgabe)
GolinehAtai
DIE ZEIT: Frau Atai, ein Beitrag von Ihnen über die Ukraine wird gesendet. Was ge­schieht dann?
Golineh Atai: Oft erreichen mich dann E-Mails, und ich kann in sozialen Medien und Blogs eine ungewöhnlich hohe Zahl an User­kommentaren lesen, zum Beispiel auf tages­schau.de. Sie scheinen in ihrer Tendenz Putin-freundlich und ähneln sich in ihrer Struktur auf­fal­lend. Oft werde ich von Blog­gern angegriffen, die versuchen, mir Fehler zu unter­stellen oder meine Gesprächs­partner zu dis­kreditieren, selbst wenn dafür keine Grund­lage da ist. Aber wenn etwas erst einmal in der Welt ist, bleibt meistens etwas hängen. Manch­mal ruft mich die Redak­tion an, die dann verun­sichert ist. Auch kann es sein, dass dann eine Programm­beschwer­de ein­gereicht wird. Wenn ich Glück habe, kommeich »nur« mit Beschimpfungen davon.
ZEIT: Beschimpfungen gehören dazu?
Atai: Sicher, oft sind sie in einem aggressiven, vulgären und wüsten Ton ge­hal­ten.
ZEIT: Haben Sie auch Morddrohungen erhalten?
Atai: Da waren ein paar dabei, aber ich weiß nicht genau, wie viele. Manche haben mir über Twitter geschrieben, diese Personen blocke ich dann. Wenn sie mich weiterhin bedrohen, bekomme ich es nicht mit.
ZEIT: Setzen Sie sich mit den Mails und Kom­mentaren, die Sie erreichen, aus­ein­ander?
Atai: Ich gucke es mir an, ich lese es. Manch­mal kommt es mir so vor, als setzte ich mich zu viel damit auseinander. Als ich einen ehe­maligen Putin-Troll aus Sankt Peters­burg interviewt habe…
ZEIT: …einen Menschen, der dafür bezahlt wird, negative Kommentare unter kri­tische Berichte zu posten.
Atai: Dieser Mensch zeigte mir, wie die Trolle vor­gehen, nach welchem Muster sie ar­gumentieren. Sehr viele der Argu­men­tations­linien waren mir bestens ver­traut. Ich konnte die Ant­worten der Kritiker ja oft vorweg­nehmen. Dem Ex-Troll fiel es sogar auf, dass ich mich damit aus­ein­andersetze. »Na sehen Sie, da hat ja meine Arbeit Spuren bei Ihnen hin­terlas­sen«, sagte er. »Sie haben es nicht weg­geklickt.« Aber es ist nun einmal ein Teil meines Jobs, mich damit aus­ein­an­der­zu­setzen.
ZEIT: Zu welchem Preis?
Atai: Stellenweise hat es bei mir zu einer großen Verunsicherung geführt. Die Angriffe waren so massiv, da kommt man natürlich ins Grübeln: Lag ich da richtig? Bin ich der Geisterfahrer? Aber dann gab es immer wieder Momente, in denen ich mich ver­sichert fühlte, dass meine Ein­schätzung vor Ort richtig war. Es hat mir zum Beispiel gehol­fen, wenn rus­sische Journa­listen mir davon er­zählt haben, wie die Staats­medien arbeiten, welche Strategie­papiere sie selbst er­hal­ten haben, die ihnen vor­schrei­ben, wie sie argu­men­tieren, wie sie ihre Bei­träge auf­bauen sol­len, welche Worte fallen sollen. Für mich persön­lich war das Inter­view mit dem Ex-Troll sehr wichtig. Es hat mir noch einmal klar­ge­macht, wie diese Strukturen funk­tionieren und psychologisch wirken.
ZEIT: Sind Sie juris­tisch gegen Beschimpfun­gen und Drohungen vorgegangen?
Atai: Eine Zeit lang hatte ich das erwogen, habe mich privat kundig gemacht, aber nach Gesprächen mit Anwälten habe ich davon abge­sehen. In einem Fall hat ein Zuschauer eine An­zeige bei der Inter­netwache Branden­burg gestellt aufgrund von Tweets über mich, die extrem vulgär und herab­setzend waren. Der Account wurde dann gesperrt.
ZEIT: Warum haben Sie nicht selbst gehandelt?
Atai: Ich habe dafür weder die Zeit noch die Kraft. Und die Grenzen der Mei­nungs­freiheit sind recht weit gefasst. Der Blog Propagandaschau hatte mich zum Beispiel zur »Maulhure des Jahres« ernannt. Ich habe überlegt, ob ich da­gegen sowie gegen andere Verun­glimpfungen vorgehe. Ich fing an, alle Ver­öf­fent­lichungen über meine Person zu doku­men­tie­ren, doch das hat mich un­glaub­lich viel Ener­gie gekostet. Ich müsste für so eine Recher­che eigens jeman­den ein­stellen, allein ist so etwas nicht zu bewäl­tigen. Mir wurde klar, dass ich dem so nicht bei­kommen kann. Ich ent­schied mich deshalb,meine Ener­gie wo­anders zu in­vestieren – nämlich zu schauen, woher das alles kommt, warum das pas­siert, welche Instrumente in einem Informations­krieg einge­setzt werden, welche militär­theoretischen Grund­lagen und histo­rischen Bei­spiele es dafür gibt. Lieber be­schreibe ich dieses Phänomen für die Öf­fent­lichkeit und suche nach Ur­sachen, als Beschimpfun­gen zu sammeln für einen Anwalt und Prozesse zu führen. Das hätte mich sonst krank gemacht.
ZEIT: Beeinflussen die Angriffe Ihre Arbeit?
Atai: Ja. Ich bin zum Beispiel bereits länger nicht mehr als Kommentatorin zum Ukraine-Konflikt und zu Russland aufgetreten. Das war eine bewusste Ent­schei­dung. Wenn ich unterwegs in der Ukraine bin, twittere ich nicht mehr kom­men­tierend, eine Zeit lang habe ich gar nichts ge­twittert. Es gab Aufrufe auf der Facebook-Seite der rus­sischen Bot­schaft, dass man mir die Ak­kredi­tierung in Moskau verweigern sollte. So etwas ver­unsichert natür­lich.
ZEIT: Haben Sie Vergleichbares zuvor erlebt?
Atai: Ich kann auf 20 Jahre journalistische Arbeit zurückblicken, aber dass ein Thema so viele und heftige Reaktionen auslöst wie der Ukraine­konflikt, das habe ich noch nie erlebt. Jegliche Reflexion über die Ukraine reicht aus, um eine Flut an negativen und herab­setzenden Kommentaren aus­zulösen. Die heftigsten Attacken erreichen mich, wenn ich in der Ukraine bin und über die Re­gierung berichte. Oft sind es auch profes­sionell anmutende E-Mails, die mir die geo­strategischen Inter­essen darlegen und mich auf Linie bringen wollen.
ZEIT: Kommt es vor, dass man aus Selbst­schutz der Aus­einan­dersetzung mit berechtigten Anliegen der Zuschauer aus dem Weg geht, den Dialog meidet?
Atai: Ich meide ihn nicht, aber ich versuche, auf meine Art zu reagieren. Ich mache öffentlich, wie wir Journalisten arbeiten, mit welchen Begrenzungen, und welchem Druck und welchen Bedro­hungen wir ausgesetzt sind. Journa­lismus­kritik war für mich immer eine Inspi­ration. Ich glaube, wenn ich den Ukraine­konflikt nur von Deutschland aus,aus einer Redaktion verfolgt hätte, dann hätte ich mich wohl manches Mal selbst unter den »Mainstream-Medien-Skeptikern« gefunden. Als Kor­respondentin aber habe ich vieles gesehen, konnte Zusam­menhänge herstellen – und bin zu anderen Schlussfolgerungen gelangt.