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nobody wurde in einem anderen Blog (beim Doktorchen) eine nationale, wenn nicht gar nationalistische Sicht auf die Griechen-Krise vorgeworfen. OK, hab ich mir gedacht, guckste ma über den Tellerrand.
deutschesicht
Was sagen z.B. die Schweizer, die sich unmittelbar um den Euro keinen Kopp machen müssen. Und wie der Teufel Zufall es will, schreibt heute Ivo Mijnssen in der NZZ eine kluge und nüchterne Zu­sam­men­fassung darüber, wie die Dinge stehen und wie es zu diesem (Stil :mrgreen: -)Stand gekommen ist. Diese Zu­sam­men­fas­sung konzentriert sich auf die simple Schweizer Redensart, dass die radikalen Linken der als Anti-Establishment-Partei auftretenden Syriza den Griechen ver­spro­chen haben, sie könnten „den Fünfer und das Weggli haben“ – mehr Geld, Wachstum und keine weitere Austeritätspolitik. Und weiter:nzzweiten

    Woher es die Mittel dafür nehmen wollte, war sein Geheimnis. Die Landung auf dem Boden der Real­po­li­tik war hart: Die uner­fahrene und von der Kom­ple­xität der Probleme überforderte Partei musste bereits in den ersten Wochen in den Verhand­lungen mit inter­nationalen Geld­gebern in grosser Eile ideo­logi­schen Bal­last abwerfen, um den Staats­bankrott ab­zuwenden. Ent­sprechend unglaub­würdig und vage waren die Re­form­ver­sprechen. Seither ist kaum etwas passiert.
    Trotzdem markierten Alexis Tsipras und Janis Varoufakis in Brüs­sel tapfer den starken Mann und richteten so den geknickten grie­chischen National­stolz wieder auf. Dafür nahmen sie in Kauf, ihre europäischen Partner nachhaltig zu verärgern, etwa mit dem Hinaus­wurf der «Troika» aus Athen oder der For­derung nach Rück­zahlungen von deutschen Kriegs­schulden. So zerstörte Syriza den bescheidenen Vertrauens­vorschuss gänzlich, den sie auf in­ter­na­tio­naler Ebene genoss. Innen­politisch punktete die Regie­rung eben­falls mit Symbolpolitik wie der Wieder­einstellung entlassener Putzfrauen. Gerade we­gen der Hetero­genität der Partei, die aus über einem Dutzend linken Grup­pierungen vom mode­raten bis zum radi­kalen Spektrum be­steht, wirkt ihre Politik erratisch und wider­sprüchlich. Tsipras scheut die Kon­fronta­tion mit dem linken Flügel und die Über­brückung der tiefen Kluft zwischen Idealen und den Sach­zwängen der akuten Krisenlage.
    Obwohl Syriza bisher pragmatisch genug war, den vollständigen Bruch mit den inter­nationalen Geldgebern zu vermeiden und nur kleinere Reformen rück­gängig zu machen, hat sie die Situa­tion Griechen­lands verschlimmert. Touristen bleiben wegen der Ver­un­sicherung weg, und die Griechen schaffen ihr Geld ins Ausland oder unter die Matratze.
    Syriza hat keine Anstalten gemacht, konse­quente An­sätze zur Ver­bes­se­rung der Lage zu präsen­tieren. Dazu müssten ein Abbau der jegliche Ini­tiative un­ter­drückenden Büro­kratie gehören und Vor­schläge, wie etwa die sogar von Syriza unbestrit­tene Reform des Ren­ten­systems sozial­ver­träg­lich durch­ge­führt werden könnte. Auch das Mili­tär wurde bis­her gröss­ten­teils ver­schont.
    Vor all diesen Vor­schlägen ist Tsipras bisher aus Rück­sicht auf seine Par­tei­ge­nossen und den rechts­populis­tischen Koali­tions­partner Anel zu­rück­ge­schreckt. Will Tsipras aber trotz den poli­tischen Risi­ken eines Kurs­wechsels nicht als der Regierungs­chef in Erin­nerung blei­ben, der sein Land aus der Euro-Zone her­aus­geführt hat, muss er den Griechen klar sagen, dass ein Bankrott ohne weitere Opfer unab­wend­bar ist. Er muss mit den Be­ton­köpfen in der eigenen Partei brechen und im Fall einer Partei­spaltung reform­willige Partner von aussen finden.

Das kann und will Diogenes Tsipras nicht, weswegen dieser Aus­blick ins Leere starrt. Mit Tsipras und vor allem dem Klugdummschwätzer Eurofuckis kommt zum Ende, was Ivo Mijnssen am Anfang seines Bestandsaufnahme so be­schreibt:

    Die griechische Bevölkerung muss dafür büssen, dass das Land jahr­zehn­te­lang über die eigenen Verhältnisse gelebt hat. Die Politiker bauten seit dem EU-Beitritt 1981 ein weit­verzweigtes, korruptes und auf Schulden ba­sie­ren­des Klien­tel­system auf, das länger­fristig kol­labieren musste. Die Auf­nahme in die Euro-Zone erschli­chen sie sich mit falschen Zahlen. Die Hilfs­pakete der «Troika» seit 2010 dienten primär dazu, ein längst über­schuldetes Land vor dem to­talen Kollaps zu bewah­ren. Sozial­demokratische und konser­vative Regie­rungen führten zwar unter dem Druck der «Troika» oberflächliche Re­for­men durch. Ihr Klientel­system hielten sie jedoch intakt. Sie sanierten den Staats­haushalt primär über Steuer­er­höhungen, Pensions- und Lohn­kür­zungen – mit ver­heerenden sozialen Folgen.

Soweit die nüchterne, frei von Sozialromatik getragene Schweizer Sicht der Dinge, die man gewiss konservativ nennen kann. Das erweitert den ohnehin schon konser­vativen Blick eines nobody nicht wirklich, weswegen ich mal nach links zur französischen Libération schaue, deren Leitartikel vom 9. Juni 2015. Hier ein Auszug:chaos

    Que Syriza ait adopté dans les né­go­ciations avec ses créanciers une position très idéologique, mar­quée par une méconnais­sance des contraintes diplo­matiques et fi­nan­cières européennes et mon­diales, n’est pas une sur­prise. Composée d’environ 45 % d’anti­euro­péens, cette con­fédéra­tion de plusieurs partis de gauche radi­cale voit dans le FMI et l’Europe une force d’occu­pation étrangère qu’il con­vient de défaire… Mais on aurait tort de ne voir que cette crispa­tion idéo­logique là.
    Car le FMI est tout aussi cari­catu­ral que Syriza, même s’il a su le dissimuler en militant pour la re­struc­tura­tion de la dette grecque (mais, bien sûr, uni­que­ment pour la partie détenue par les Européens…). De fait, c’est lui, et non la zone euro, qui exige la réforme immédiate de l’intenable système de retraites, l’assou­plisse­ment du marché du tra­vail ou le pas­sage de 11 % à 23 % de la TVA sur l’électri­cité, déjà l’une des plus chères d’Europe. On voit qu’on est là dans la théo­logie ultralibérale la plus pure : pourquoi ne pas laisser la Grèce choisir ses priorités à condi­tion qu’elle par­vienne à équilibrer son budget ? Si elle veut finan­cer ses retraites au détriment de l’éducation, des in­ves­tis­se­ments ou de la santé, qu’elle l’assume vis-à-vis de son opi­nion publique.

Ja, warum eigentlich nicht? Lassen wir die Griechen es doch machen, wie die Griechen es machen wollen. Wenn sie ihre Renten mit der Bildung ihrer Kinder oder ihrem Gesund­heitssystem bezahlen wollen, dann müssen sie es schließlich vor der öffentlichen Meinung rechtfertigen … OOPS … ich glaube Jean Qua­tre­mer war im Ironie-Modus, als er das geschrieben hat, denn keine Ge­sell­schaft kann die Zukunft, also ihre Jugend, auf dem Al­tar der Renten ihrer Ver­gan­gen­heit (Rentner) opfern, nicht die grie­chische und nicht die deutsche.

Zu diesen blumigen Worten nochmal trockene Schweizer Gedanken aus der NZZ von heute: „Griechenlands Jugend fühlt sich um ihre Zukunft betrogen. Bei manchen ist die Bewunderung für Tsipras ungebrochen, andere zweifeln an dessen Verhandlungsstrategie.“

PS: Das Cover der Lib ist von 2011, aber an der Aussage hat sich nix geändert.