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evrazWieder der Sinowjew-Klub, zum dritten und sicher nicht zum letzten Mal. Warum? Der Sinowjew-Klub ist kein Think Tank der bekannten ame­ri­ka­ni­schen Art, sondern eine Art „Programmbeirat“ der staat­li­chen russischen Medien. Der Sinowjew-Klub ist bei Rossiya Segodnya angesiedelt, also der russischen Medien-Hold­ing, wobei das Wort „Holding“ den Nagel auf den Kopf trifft. BTW: Endlich hat auch die deutsche Wiki den Sinowjew-Klub entdeckt (nein, nobody hat den da nicht reingeschummelt):

    Sinowjew-Klub
    Auf dem Nachrichtenportal Sputnik werden politische Kommentare von einem Sinowjew-Klub genannten Think-Tank erstellt. Mit Aussagen wie „Der rus­si­schen Sprache droht die gewaltsame Zerstörung“ oder „Gelenkte Demokratie in der Ukraine“ verfolgt der Klub das Ziel, ein „gerechtes Russland­bild zu ver­mitteln“.

Wer den Sinowjew-Klub übersieht, kann kein Russland-Versteher sein. 99% aller Mitglieder des Clubs sind Angestellte von Rossiya Segodnya = RT = SPUTNIK, ihren Töchtern und Enkeln (und ca. 70% sind zugleich Abge­ordnete der Duma für Putins Partei „Einiges Russland„), auch der Duma-Abgeordnete Wladimir Lepjochin (Владимир Лепехин), um den es heute geht, auch wenn SPUTNIK das vernebelt und ihn so vorstellt:

    Wladimir Lepjochin – Direktor des Instituts der Eurasischen Wirt­schafts­gemeinschaft, Mitglied des Sinowjew-Klubs von Rossiya Segodnya

Oh nein, Wladimir Lepjochin ist weit mehr, RIA Novosti auf russisch verrät: Wladimir Lepjochin ist zuständig für „das Wohl des Va­ter­landes“ im gesamten Medien-Imperium von Rossiya Segodnya und er leitet das Институт ЕврАзЭС Institut für EAWG, das für Putins Eurasische Wirtschaftsunion den Kurs be­stim­men soll.

Aufgabe des Sinowjew-Klubs ist es, dem postsowjetischen Russland wieder einen ideologischen Unterbau überzustülpen. Nein, das ist kein Fehler. Vla­dimir Putin hat am 12. September 2012 bei einem Treffen mit Jugendlichen in Kras­nodar gefordert, dass „man die eigene Zukunft auf einem festen Funda­ment aufbauen muss, und dieses Funda­ment ist die Vaterlandsliebe … Dass sind der Res­pekt gegenüber der eigenen Geschichte und Tradi­tionen, die geis­tigen Werte unserer Völker, unserer tau­send­jäh­riger Kultur und der ein­zig­ar­ti­gen Erfahrung der Ko­existenz von Hun­derten Völ­kern und Sprachen in Russ­land“ (zitiert von Wladimir Lepjochin). Seit dem arbeiten die In­tellektuellen Russ­lands an einem Ge­danken und Begriff, der das un­schöne Wort „Pu­ti­nis­mus“ für diese rus­sische Ära er­setzen kann. Und weil kurze Wege ef­fizient sind, bringen diese Vor­denker als Direk­toren von Rossiya Segodnya-Medien ihre Ideen auch direkt unters Volk. Halten Sie es ruhig für Propa­ganda, aber der Sinowjew-Klub ist in Ver­bindung mit RT (Rossiya Segodnya) nix ande­res als Goebbels Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Und in diesem Reichs­pro­pa­gan­da­ministerium nimmt Wladimir Lepjochin eine herausragende Stel­lung ein.

Haben Sie Putins Krims-Märchen auf Rossija 1 gesehen: „Krim, der Weg nach Hause„. Gut, dann können Sie Vladimirs Argumentation, seinen Spin, bei Wla­di­mir Lepjochin nachlesen: „Krim-Gambit
gambit
Wladimir Lepjochin hat als Putins Spin doctor am 22. März 2014 (!!!) genau das vorgeschrieben, was Putin fast auf den Tag genau ein Jahr später am 15. März 2015 verkündet hat. Das sollte Wladimir Lepjochin Bedeutung für den russischen Propagandaapparat verdeutlichen.

Genug der Vorrede. Wladimir Lepjochin war gestern wieder auf SPUTNIK ver­tre­ten. Ein schwacher Artikel, der auf einen starken aufbaut, der vor einer Woche im SPUTNIK zu lesen war: „Nationale Idee gefunden“ von Wladimir Lepjochin. In Wladimir Lepjochins Beitrag für den Sinowjew-Klub geht es um den Ersatz für den Putinismus, nicht Putin und Putinismus4everseine Staatsform der gelenkten Demokratie (was zum Henker das auch immer sein mag), sondern um den Begriff des „Pu­ti­nis­mus„. Wladimir Lepjochin will den „Putinismus“ durch die „Ideo­lo­gie der russischen Zi­vi­li­sa­tion“ ersetzen. Aus seinen Gedanken will ich in einer von mir ge­ord­neten Reihen­fol­ge zi­tieren … groß kom­men­tieren muss man das gar nicht, nur sich auf der Zunge zer­gehen und dann sacken las­sen (Unterstreichung stam­men von mir):

    Seit einem Viertel­jahrhundert er­folgte die Suche nach dieser Idee in zwei gegensätzlichen Richtungen – der liberalen prowestlichen Ideologie und der postsowjetischen imperialen Ideologie. Am Ende der Null­jahre wurden die Ineffizienz und die Mangelhaftigkeit der liberalen prowestlichen Idee so of­fen­sichtlich, dass auch beim vorhandenen Wunsch der neuen russischen politischen Klasse, den Status quo im Lande zu bewahren, eine natürliche Bewegung der russischen Elite in Richtung einer neuen aktuellen Idee begann …

Im Klartext: Prowestlich liberal und postsowjetisch imperial standen sich ge­gen­über in der rus­sischen Ideolo­gie­dis­kus­sion. Die liberale pro­west­liche Idee hat sich gegen 2010 als in­ef­fi­zient und man­gel­haft er­wie­sen. Was also bleibt? Wo­hin geht die rus­sische Reise? In die postsowjetisch imperiale Richtung!

    Die Ereignisse in der Ukraine und die Spaltung dieses Landes nicht nach dem ethnischen, sondern vor allem nach dem zi­vi­li­sa­to­rischen Prinzip bestimmten die Bildung einer neuen Nationalen Idee in Russland …

Der Einsatz von Waffen auf der Krim und vor allem im Donbass ist also das „zi­vi­li­sa­to­ri­sche Prinzip“ nach Art des Vladimir Putin. Und gleich nochmal, weil’s so traurig ist:

    Nach der Wiedervereinigung der Krim und Russlands und der Entstehung der Volkswehr im Südosten der Ukraine hat die zivilisatorische Idee einen festen Platz im System der neuen Ideologie der russischen Welt als ein grund­le­gen­des Ideologem bekommen.
    … dass die aus der liberalen Doktrin hervorgehenden Konzepte zur Bildung einer „überoffenen Gesellschaft“, des Aufbaus „eines großen Europas“ u.a. gegenstandslos sind.

Ich kenne nur Poppers „offene Gesellschaft. WTF ist eine „überoffene Ge­sell­schaft“?

    Es wurde auch das Objekt dieser Idee bestimmt – die Russische Welt, die nicht im ethnischen sondern im kulturell-geografischen und überethnischen Sinne verstanden wird – als das wichtigste, jedoch nicht das einzige und dominierende Element der sich heute herausbildenden Eurasischen Zi­vi­li­sa­tions­ge­sell­schaft …

Zum GEGENSTAND der „Ideologie der russischen Zivilisation“ schreibt Lepjochin:

    Das ist eine zivilisatorische Entwicklung der Russischen Föderation und der Russischen Welt, die das ZIEL der Innen- und Außenpolitik der russischen Staatsführung werden soll.

Imperialismus pur!

    Schaffung der Zukunft Russlands und Eurasiens

Wer gehört zu dieser russischen Welt und ihrer neuen Ideologie der russischen Zivilisation?

    Die Wende des russischen Präsidenten in Richtung Konservatismus in seiner patriotischen Version bewegte die Vertreter der rechten und linken Flügel des russischen politischen Lebens zu verschiedenen antiliberalen Aktivitäten. Mit Unterstützung des Kreml wurde der Isborski-Klub ins Leben gerufen, der das Konzept des „Fünften Imperiums“ entwickelte. Aktive Handlungen un­ter­nehmen ver­schiedene Anhänger der Staatsmacht, Neokonservative, Pot­schwen­niki (Vertreter der Strömung „Rückkehr zum Boden“), Mo­nar­chis­ten, schwarze Hundertschaften, Russenfreunde und Europahasser. Auf Anweisung von Oben wurden die Nationale Befreiungs­bewegung, die Gruppe „Wesen der Zeit“ und andere Strukturen geschaffen, mit deren Hilfe die Patrioten, die die Regierung unterstützen, gegen alles Pro­westliches zu­sam­men­ge­schlos­sen werden sollen.

    1. Alle Staatsbürger der Russischen Föderation, unabhängig von Nationalität, Glauben und Wohnort;
    2. Alle russischen und russischsprachigen Menschen unabhängig von ihrem Wohnort und der Staatsbürgerschaft;
    3. Der Raum der Russischen Föderation und anderen mit Russland verbündeten Länder, deren Bürger die zivilisatorischen Ziele und Werte Russlands und der Russen teilen sowie Russisch sprechen wollen und die russischen Kultur erlernen wollen.

Soll mir nachher keiner kommen und sagen: „wir haben es nicht gewusst„. Zur Abrundung noch ein paar Zitate aus Wladimir Lepjochins gestrigen Nach­schlag auf SPUTNIK:

    …das wichtigste Element der Identität der Russen (ist) der Inter­na­tio­na­lis­mus …, weil unser Land nur mit einer übernationalen und freien Welt­an­schau­ung weiter existieren und sich weiter­entwickeln kann.

Das ist 100% Alexander Dugin.

    … heute gibt es in Russland immer mehr Menschen, die Begriffen wie Würde, Wahrheit und Gerechtigkeit ihren ursprünglichen Sinn verleihen, die die Grund­la­ge der russischen Zivilisation bilden.

Wann soll es losgehen? Nach Wladimir Lepjochins soll es 2017/18 so weit sein … Was? Das können Sie auf der Webseite seines Institutes für die Eurasische Wirt­schafts­union nachlesen:

GAMBIT !