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    Wo man singt, da laß‘ dich ruhig nieder,
    böse Menschen haben keine Lieder

Flag_of_Estonia.svgJohann Gottfried Seume hätte Estland meinen kön­nen, das Land der Sänger und der singenden Re­vo­lu­tion, aber um 1800 gab es Est­land noch nicht. Es gab immer zu wenig Esten für ein eigenes Land. Kei­ne 150000 Esten konnte man immer leicht rumschub­sen. Nach den Wikinger kamen die Dänen (1208), die das Land der Esten 1346 ein­fach an Deutsche ver­kauft ha­ben, de­ren Guts­her­ren das Land bis Mitte des 19. Jahr­hun­dert be­herrscht ha­ben, oh­ne Herr­scher zu sein. Die Esten wa­ren in ihrem ei­genen Land eine Min­derheit. Die frem­den Mehr­heiten, fast 700 Jahre lang Deutsche, woll­ ten ein­fach nicht ge­hen. Dafür war das Land zu schön und der Bo­den zu gut. Die­sen Boden muss­ten Esten als leib­eigene (erbhörig und schollenpflichtig) Bauern für die deutschen Jun­ker be­ackern.

In dieser „deutschen Zeit Estlands“ gehörte das Land nie zu Deutschland. Wie auch? Deutschland gab es noch gar nicht, ebensowenig wie Estland. Nicht ein­mal die Preußen haben ihre militaristischen Finger bis dahin ausgestreckt. Die Kriege um Estland begannen mit Iwan IV., genannt der Schreckliche, der im Livländischen Krieg (1558 – 1582) vergeblich versuchte, das Balti­kum unter rus­si­sche Herrschaft zu bekommen. Am Ende wurde das Land der Esten zwi­schen Dänen, Polen und Schweden aufgeteilt. Die Schweden haben 1629 die an­de­ren rausgeworfen und danach ging es den Esten ganz gut … noch besser den Deutschen, denn die besaßen weiter das Land, ohne Herrscher zu sein.

Das war ein Running Gag. Als Zar Peter der Große 1700 den Nordischen Krieg gewann und Estland am Ende von Schweden nach Russland wechselte (1721 Frieden von Nystad), da hat er sein neues Land den alten deutschen Besitzern weiter belassen. Wozu Russen ansiedeln? Die Deutschen machen das doch sehr gut. Aber eigent­lich waren es weiter die estnischen Bauern, die es gut mach­ten. Und die hatten 1816 die Schnauze voll (Bauern­befreiung bis 1819) und über­nahmen ihr Land nach und nach ab 1860 selbst und dabei haben sie an­ge­fan­gen zu singen. Schon 1869 gab es in Est­land das erste Sängerfest … stimmt nicht, denn Estland gab es immer noch nicht. Noch gaben die deutschen Junker den Ton an, wenn auch der Takt im Kreml vorge­geben wurde. Dort nann­te man diesen Flecken Erde die „deutsche Ecke im Reich„.
parnuecity
Wer wissen will, wie es da­mals, vor der Ok­to­ber­re­vo­lu­tion, dort zu- und den Deutschen er­ging, dem empfeh­le ich „Schwüle Tage“ von Eduard von Key­ser­ling. Das spielt zwar wei­ter süd­lich in Kur­land, auf der let­ti­schen Seite der Rigaer Bucht, aber das sah man frü­her nicht so genau. Alles war ir­gend­wie Liv­land, von der Ostsee bis zum Peipussee.

In diesen „Schwülen Tagen“ war zwar Erster Weltkrieg, aber der Krieg war weit weg. Außer einem kleinen Angriff auf die Insel Ösel ist nicht viel pas­siert. Nach Estland kam der Krieg erst durch den Frieden. Lenin wollte zwar Frieden für sein jünges Sowjet­reich, aber nicht den Brotfrieden vom 9. Februar 1918, son­dern einen „revolu­tionären Frieden“. Al­so brach Trotzki die Frie­dens­ver­hand­lun­gen ab. Um den Bol­schewiken Dampf zu machen, den Frieden von Brest-Litowsk doch noch zu unter­schrei­ben, rückten die deutschen Truppen auf Reval vor (heute Tallinn, die estnische Haupt­stadt). Die Russen türmten am 24. Februar 1918 (Nationalfeiertag) aus der Stadt und bevor die Deutschen am 25. Febru­ar einrückten haben die Es­ten schnell ihre erste eigene Repub­lik aus­gerufen. Diese Republik stand aber nur auf einem Stück Verfassungs­papier und mit dem Waf­fen­stillstand im Wald von Compiègne (11.11.1918) rückte wieder die Rote Ar­mee in Estland ein. Doch diese Rote Ar­mee war schwach und kopf­los und mit dem Bürger­krieg an der weißrussischen Front beschäftigt, sodass es den Esten schon nach kurzer Zeit mit Hilfe ihrer Sprach­verwandten aus Finnland und Frei­willigen aus den anderen bal­tischen Staaten gelang, die Russen wieder zu ver­trei­ben (02.02.1920, Friede von Dorpat). Endlich gab es Estland wirk­lich.

Bis ein größenwahnsinniger Hitler mit einem nicht weniger irren Stalin einen Pakt schloß (23.08.1939) und beschloß, dass Estland (vorerst) wieder den Russen ge­hö­ren soll, die dort am 17.06.1940 einrückten und das Land als Estnische SSR der UdSSR einver­leibten. Dann wurde in Estland in typisch stali­nisti­scher Manier auf­ge­räumt. In einer ein­zigen Nacht, am 14. Juni 1941, wurde die ge­samte In­tel­li­genz und Elite des Lan­des, über 11.000 Men­schen, nach Sibirien ver­frach­tet. 70.000 Esten gingen ins Exil und 1949 wurden nochmal Zig­tausende Esten nach Sibirien um­quartiert. Est­land war russi­fiziert. Vor WWII lag der russische Bevöl­kerungsanteil bei etwa 8%. 1989, gegen Ende der Sowjet­union, war der Russen-An­teil auf 30,3% gestiegen (die vielen Tausend in der ESSR sta­tio­nier­ten Rotarmisten nicht mal mitgezählt).

Trotzdem ging es den Esten gut, relativ gut … relativ zu allen anderen Sow­jet­bürgern hatten die Esten den höchsten Lebens­standard in der UdSSR. Weil Geld al­lein nicht glück­lich macht, haben ausge­rechnet die relativ wohl­ha­ben­den Es­ten den Auf­stand der Balten begonnen mit einer Großdemonstration im Hirve Park in Reval am 23.08.1987 (über 4000 Demon­stranten) und sie haben wieder ge­sungen. Ganz fried­lich und be­harr­lich setzten die Esten zu­nächst ihre Sou­veränität gegen­über dem Kreml Baltic-Waydurch und in Tallinn begann am (wieder einmal 🙄 ) 23.08.1989 die Men­schen­ket­te quer durch Est­land, Lett­land bis nach Vil­nius in Li­tauen.

Manchmal ist es gut klein zu sein. Als im Januar 1991 rus­si­sche Betonköpfe ver­such­ten in Litauen und Lettland wieder den Sowjet-Status zurück zu putschen, da haben sie Est­land ganz ver­gessen, obwohl das, von der riesigen Mili­tärbasis Pskow aus, di­rekt vor ih­rer Nase lag. Wahr­schein­lich waren ihnen die gut 1 Million Es­ten nicht wichtig ge­nug. Als dann im August 1991 die bol­sche­wis­tischen Idio­ten auch in Mos­kau er­folglos geputscht haben, nutzten die Esten wieder (wie schon 1918) die Gunst der Stun­de und er­klärten sich am 20. Au­gust 1991 (beinahe wieder eine Punktlandung auf den Schicksalstag der Es­ten) er­neut für un­ab­hän­gig. Und dabei soll es jetzt bleiben, Wladimir, haste ver­stan­den!?

Estland ist heute mit Abstand nicht nur das modernste, sondern auch pros­pe­rie­rend­ste baltische Land Osteuropas, ganz ohne Boden­schätze. Voll digi­talisiert … davon können wir nur träumen. Erst heute stand in der NZZ ein langer, stau­nen­der Artikel darüber, wie digitalisiert Estland ist.
Taavi
Eine junge Regierung (oben Ministerpräsident Taavi, 35 Jahre alt, mit First Lady Luisa Värk) mit einem jungen Volk und jungen Ideen. Eine davon ist, dass die Bürger von Tallinn umsonst die öffentlichen Nahverkehrsmittel nutzen können. Der Perso ist der Fahrschein 😎
Parnu-strand
Wie wär’s eigentlich mit einem Sommerurlaub in Estland? Ich war noch nie da, habe mir aber sagen lassen, dass es durch eine Laune der Natur in der Bucht von Pärnu (oben, das erste Bild zeigt die Innenstadt von Pärnu) im Juni und Juli so sonnig und warm wie am Mittelmeer sein soll. Sand hamse auch genug und jede Menge hübsche blonde Mädels 😛