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ohjeOh je, da hat mich User Timmi mit seinem Kommentar zur „MH17-Klage“ auf dem fal­schen Fuß erwischt. Die von ihm gestellte Fra­ge

    Aus welchen Gründen beurteilen Sie das Geschehen, wenn es die Separatisten waren als aberratio ictus? Ich hätte eher auf error in persona vel in obiecto getippt, was wohl auch andere Folgen hätte.

ist zwar hochinteressant, aber nobody der falsche Typ, um sie zu beantworten und als ich diesen kleinen strafrechtlichen Schlenker in dem Artikel un­ter­ge­bracht habe, wollte ich mich in Drei-Teufels-Namen nicht auf dieses dünne Eis begeben. Der pseudo-philantropische Unter­schied zwischen aberratio ictus und error in persona ist der Grund da­für, dass ich mich vor knapp 40 Jahren – es muss spä­testens im 2. Semester gewesen sein – angewidert vom Straf­recht ab­gewandt habe, denn dieses Rechts­gebiet drohte meinen gesund gedünk­ten (oder gedüngten :mrgreen: ) Menschen­verstand zu zerstören.

Interessant und spannend ist der Unterschied zwischen aberratio ictus und error in persona/obiecto aber nur für Juristen, vielleicht noch Logiker und Phi­losophen. Alle anderen werden ge­beten, spätestens jetzt weg zu klicken, um nicht den Glau­ben an die Jus­tiz zu ver­lieren.

Vergessen wir mal ganz, was in der Wikipedia zu diesen lateinischen Rechts­be­grif­fen zu lesen ist und amüsieren wir uns mit dem Beispiel, an dem Ge­ne­ra­tio­nen von Ju­ra­studenten versucht haben, den Unter­schied zwischen ab­er­ra­tio ictus und error in persona zu ver­stehen:

Ein Jäger auf der Pirsch,
verfehlte seinen Hirsch
.

Unser Jäger sieht im Wald zwei Hirsche, einen kapitalen Bock und dessen Lieb­lings­kuh. Natürlich will er den Zwölfender, aber er trifft die Kuh. Egal, sagt sich der Jäger, Hirsch ist Hirsch und Kuh schmeckt auch. Auch das Hirsch-Gericht denkt so: „Du Jäger woll­test einen Hirsch tö­ten und hast auch einen Hirsch ge­tö­tet und ob Männ­lein oder Weib­lein, das spielt kei­ne Rolle, das ist ein uner­heb­li­cher Feh­ler = Irr­tum und des­halb ver­ur­tei­len wir dich zu 15 Jahren Veggie-Day.“ Die Hir­sche, die so ent­schei­den, sitzen übri­gens beim BGH und ver­tre­ten die herr­schen­de Meinung. Sie wis­sen ja: Treffen sich zwei Ju­risten, haben die drei Meinun­gen … mindestens 😆

Unser Jäger versucht es gleich nochmal und schießt diesmal den „richtigen“ Bock, aber der Bock stellt sich als Jagdkollege heraus. Diesmal kommt der Jäger vor ein menschliches Gericht und verteidigt sich mit der Einlassung: „Oh je, das hab ich nicht ge­wollt, den hab ich nicht gesehen.“ Vox populi und auch nobody würde urteilen: „Egal, tot ist tot.“ Nicht so die Pro­fis. Die sagen: „Du hasst ver­sucht einen Hirsch zu töten und weil du Jäger bist und grad kei­ne Schon­zeit ist, darfst du das. Also bleibt deine ver­such­te Hirsch-Tö­tung straf­los. Aber du hast einen Men­schen getötet und weil nicht je­der Mensch ein Hirsch ist, ist der von dir geplan­te Er­folg an einem ande­ren Ob­jekt (Person) ein­ge­tre­ten als ge­wollt. Des­halb verur­tei­len wir dich we­gen fahr­läs­siger Tö­tung eines Menschen zu 2 Jahren McDonald auf Bewährung.“ Die Men­schen beim Bun­des­ge­richts­hof kom­men also fast zum gleichen Ergebnis wie das Hirsch-Gericht 😎 error in per­so­na/obi­ecto.

Weil unser Jäger so ein schlechter Schütze ist, geht er zum Üben auf den Schieß­platz und zielt auf Tontauben. Wie der Teufel es will, flie­gen dort auch echte Tau­ben rum und vor seine Flin­te. Eine da­von er­wischt der Jäger und haucht ihr das flatter­hafte Leben aus. Egal, sagt sich der Jäger, Taube ist Tau­be, ob aus Ton oder gefiedert, beides Sachen im Rechts­sinne, also glei­ches Rechts­gut. Zwar ist ihm ein recht­lich un­erheblicher Feh­ler = Irr­tum bezüg­lich des Objekts unter­laufen, denn er hat eine echte Taube (z)erschossen, aber das durf­te er auf dem Schießplatz auch. Gleiches Rechtsgut = glei­che Rechts­folge … logisch, oder? Naja, zumindest zeigt der letzte Fall, dass die Unterscheidung zwischen aberratio ictus und error in obiecto nicht so scharf ist, wie Juristen uns immer weismachen wollen.

Nun zieht unser Jäger in den Taubenkrieg, weil Tauben alles vollscheißen und unseren schönen Dom verätzen. Der Meister­schütze trifft viele Tau­ben, da­run­ter auch eine wert­volle, vielfach prämierte Brieftaube. Für die will der Tau­ben­züchter Scha­dens­ersatz, denn straf­rechtlich ist dem Freischütz nicht beizu­kommen. Der Jäger denkt nicht daran die Tau­be zu be­zahlen und sagt: „Wir ha­ben euch ge­warnt, dass jetzt Tau­ben­krieg ist. Hät­test du mal dei­ne Tau­be bes­ser im Tau­ben­schlag ge­las­sen.“ Zi­vil­recht­lich ist das eine Fra­ge der Mit­schuld (§ 254 BGB), aber die gibt es so nicht im Straf­recht und spielt nur bei der Straf­zu­mes­sung ei­ne Roll­e.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, der wird ahnen, dass die Einschläge näher kommen, näher an MH17 und die BuK.

Unsere „Freischützen“ im Donbass haben eine Zauberflinte. Mit der können sie alles vom Himmel holen, was da kreucht und fleucht. Mit dieser ZauberflinteBuK“ wollen und sollen sie natür­lich nur Mi­litär­maschinen abschießen, aber „BuK“ trifft Zivil­maschine Flug MH17. Egal, Maschine ist Ma­schine, also un­er­heb­li­cher Irr­tum über eine Sache 😯 Aber Hallo, es geht doch nicht um die Sache „Ma­schine“, son­dern um die Men­schen, die darin sitzen 👿 und auch eine Mili­tär­ma­schine wird von in ihr sitzen­den Men­schen ge­steuert, wenn es sich nicht um eine Drohne han­delt. Zu ver­glei­chende Rechts­güter sind also Le­ben von Men­schen … ob Mensch in MH17 oder Mensch in Antonow 26, das muss doch Jacke wie Hose sein. Mensch ist Mensch … also keine aberratio ictus, sondern ein uner­heblicher error in persona.

Schon, aber die „Separatisten“ befinden sich im Krieg und im Krieg werden Men­schen ge­tötet und im Krieg ist das sogar er­laubt. Man kann fast sagen, das Tö­ten von Men­schen im Krieg ist der Sinn des Krie­ges. Die „Separa­tisten“ durf­ten Men­schen in ei­nem (Mili­tär-)Flug­zeug ab­schießen und haben das auch vor­her ge­tan. Dass sie dies­mal statt­des­sen ei­ne Zi­vil­maschine er­wischt ha­ben, war ein­fach nur Pech (wenn man ein­mal da­von aus­geht, dass kein zwei­tes Flug­zeug dort in der Luft war, das die Frei­schützen ei­gent­lich an­vi­siert ha­ben). Ergo (jetzt Wiki): Der Tä­ter trifft das Ob­jekt, auf das er zielt, irrt sich je­doch in der Iden­tität sei­nes Opfers. Es liegt al­so ei­ne Fehl­iden­ti­fi­zierung vor, so dass des­halb die Tat fehl­geht. Wenn die „Sepa­ratisten“ auf Men­schen in Flug­zeu­gen schießen durf­ten, dann, so könn­te man mei­nen, durf­ten sie auch ver­sehent­lich Zi­vil­maschinen ab­schießen. Der üb­li­che Kol­la­te­ral­schaden 😯

Um von diesem misslichen Ergebnis weg zu kommen gibt es zwei An­sätze: Ent­we­der man drö­selt den objek­tiven Tatbe­stand immer wei­ter auf, un­ter­schei­det nicht nur zwi­schen Menschen in Ma­schinen, mandelbrotson­dern zu­dem zwi­schen Militär­men­schen und Zivi­lun­ken in Militär- oder Zivil­maschinen, macht al­so aus dem Straf­recht ein Mandelbrot, dass nur noch Ma­the­mati­ker ver­ste­hen, oder man ver­legt das Problem in die Rechts­wi­drig­keit. Im letzt­ge­nann­ten Fall ist der Ab­schuss je­der Ma­schine objektiv zu­nächst straf­bar und der Tä­ter braucht ei­nen Recht­fer­tigungs­grund, z.B. Krieg. Wählt man die­sen Weg, dann ist man ganz schnell in der Büchse der Pan­dora, auf der steht: „Im Krieg ist jedes Mittel recht und alles erlaubt„.

nobody tendiert daher zum mühsamen „Rechts-Fraktal„: Ein Flugzeug mit zivilem menschlichen In­halt ist ein an­deres Rechts­gut als ein Flug­zeug mit militärischen mensch­lichen Inhalt. Hat also User Timmi recht? JA! Denn Mi­litärmaschine ist Hirsch und MH17 ist Mensch, zwei unter­schied­liche Rechts­güter. Bei Un­gleich­wer­tig­keit der Rechts­gü­ter wird der Tä­ter we­gen Ver­suchs hin­sicht­lich des Ge­dach­ten und we­gen Fahr­läs­sig­keit hin­sicht­lich des tat­säch­lich Ge­trof­fe­nen be­straft. Ist aber bei der aberratio ictus nicht anders. Also ein Streit um Kai­sers Bart?

Nein, denn eine andere Frage ist, ob der Irrtum beim Täter („Separatisten“) au­to­ma­tisch auf den Gehilfen durch­schlägt. Gehilfe ist in dem Fall der Waf­fen­lie­fe­rant, derjenige, der den russischen Terror-Tou­risten die BuK über­las­sen hat. Auch der wollte nicht, dass damit Zivil­maschinen abgeschossen werden, aber konn­te der Waf­fen­lie­fe­rant damit rechnen, dass die Irren damit ohne „großes“ Sekundär­radar rum­ballern. Weil die Unterscheidung zwischen aberratio und error so schwierig und oft auch ge­künstelt ist, gibt es ein „Faustformel„, die die Sache ein wenig leich­ter macht. Wenn ein Umstand außerhalb des Tä­ters dazu führt, dass sein Schuss in die Hose geht, dann liegt ein aberratio ictus vor. Beispiel: Der Jäger will den Zwölf­ender schießen, aber der springt bei­seite als er abdrückt und die Kugel trifft die dahinter stehende Hirsch­kuh. So war es hier nicht, aber konnte der Waf­fen­lie­ferant damit rechnen, dass die Schwach­maten in den Himmel bal­lern, ohne die Trans­ponder­signale des Ziels auf­lösen zu können. Und wenn ja, ist das dann beim Gehil­fen auch ein error oder eine aberratio?

Darüber will nobody lieber nicht nachdenken, denn vor solchen Fragen habe ich mich schon vor Jahrzehnten gedrückt, also warum sollte ich jetzt damit an­fan­gen.