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MichaelShishkinDer im Schweizer „Exil“ lebende russische Schrift­stel­ler Michail Schischkin zeichnet in der Ok­to­ber­aus­ga­be des CICERO ein bestürzendes Bild der rus­si­schen Ges­ell­schaft, deren „contrat social“ immer noch, auch nach dem forma­len Ende des Kom­mu­nis­mus auf dem gesellschaftlichen Ein­ver­neh­men über Lüge und Wahr­heit beruht. Der GULAG lebt! nobody wüss­te nix, was in den letzten 20 Jah­ren die neue alte rus­sische See­le so nahe ge­bracht hat wie dieser „Be­sinnungs­aufsatz“. Wer nie in der UdSSR und danach in Russ­land war, der wird Michail Schisch­kin nicht glau­ben kön­nen, weil er diese rus­sische Seele nicht kennt und schon gar nicht ver­steht. Sich auf den Ar­tikel „Das Imperium der Lügen“ einzulassen ist eine Her­aus­for­de­rung, für man­che sicher eine Zu­mu­tung, aber vor allem ist Michail Schischkin zu lesen ein absolutes MUSS.
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    Das Imperium der Lügen
    Die Wahr­heit abzu­streiten, das hat in Russ­land nicht nur Tradition, sondern ist vielmehr Teil des Ge­sellschafts­vertrags. Auch des­halb wirkt der Westen im Ukrainekonflikt so hilflos

    Als Kinder lasen wir alle das Buch „Gelsomino im Lande der Lügner“ des Ita­lie­ners Gianni Rodari. Darin kommt ein Junge in ein Land, das von einer Pira­ten­ban­de einge­nom­men wor­den ist, die nun alle zum Lügen zwingt. Den Katzen wird be­fohlen zu bellen, den Hun­den zu miauen. „Brot“ muss „Tinte“ ge­nannt wer­den. Es ist nur Falsch­geld im Um­lauf, und die Ein­woh­ner werden über die Zei­tung „Der muster­hafte Lüg­ner“ über die wich­tig­sten Nach­rich­ten infor­miert.

    Uns Kindern gefiel die Absurdität dieser Situation natürlich. Für die Er­wach­senen lag das Ge­heimnis des unglaub­lichen Er­folgs dieses Buches al­lerdings darin, dass sie genau ver­stan­den, über wel­ches Land hier in Wirk­lichkeit ges­chrie­ben wurde. Orwell für An­fänger. Als die Kin­der älter wurden, begriffen sie eben­falls sehr schnell, dass sie in genau die­sem Land lebten.

    Die Lüge war allgegenwärtig. Die Zeitungen logen, das Fernsehen, die Leh­rer. Der Staat be­trog sei­ne Bürger, die Bürger betrogen den Staat. So wa­ren die allen ver­ständlichen Spiel­regeln. Vom Kin­der­garten an gewöhn­ten wir uns daran.

    Mit Plakaten überzeugte man die Bevölkerung, dass die „UdSSR – das Boll­werk des Friedens“ sei, und schickte gleichzeitig seine Panzer überallhin auf der Welt. Im Fern­sehen berich­tete man freudig über die Er­fül­lung der Fünf­jahres­pläne, doch die Regale in den Ge­schäften wurden fort­während leerer und die Schlan­gen davor größer. Wir lebten in dem Land, „in dem der Sozia­lismus ge­siegt“ hatte, in dem laut Ge­setz alles dem Volk ge­hörte, doch in Wirk­lich­keit besaß das Volk nichts. Überhaupt gehörte nieman­dem etwas.

    Katastrophen kamen nur im Westen vor

    Wir lebten in diesem außergewöhnlichen Land voller Sklaven, in dem alle dem Sys­tem gehörten. Diejenigen, die uns anführten, waren einfach die größten Skla­ven. Nie­mand trug die Verant­wortung für sein Land. Die Kol­cho­se-Skla­ven sind ent­eignet worden und ih­nen war es egal, ob die Ern­te her­anwuchs oder nicht. Die Ar­beiter-Skla­ven sof­fen, und ihre Vor­ge­setzten schick­ten gefälschte Bilan­zen ans Minis­terium. Die re­gieren­den Sklaven nahmen diese ver­drehten Lü­gen als gültige Resul­tate in Empfang.
    Cicero102014
    Über Jahr­zehnte wurden eigene und frem­de Leute ange­schwin­delt, und man stör­te sich nicht da­ran, dass nie­mand dem an­de­ren glaub­te. Un­ter dem er­logenen „Auf­ruf einer Grup­pe von Genos­sen“ fiel man in die Tsche­choslo­wakei ein. Man log, dass man uns nach Af­gha­nistan einge­laden ha­be. Es wurde ge­schwin­delt, wenn bei Flug­zeug­ka­tastrophen Fuß­ball- oder Hockey­mann­schaf­ten star­ben – denn solche Ka­tastro­phen kamen ja nur dort vor, im Westen. Die ganze Welt wurde angeschwindelt, als ein südko­rea­nisches Flug­zeug abge­schos­sen worden war.

    Chruschtschow wurde aus den offiziellen Bildern des Em­pfangs von Gagarin auf dem Roten Platz heraus­geschnit­ten. Man log über die Ver­gan­gen­heit, die Gegen­wart und die Zu­kunft, zu jedem Anlass, egal ob wichtig oder un­wich­tig.

    Meine Mutter unterrichtete damals in der Schule, doch ich habe zu der Zeit natürlich noch nicht rea­li­siert, wie schwierig die Gestaltung des Unterrichts für sie und alle Leh­rer war: Sie stan­den vor einer unlösbaren Aufgabe – die Kinder zu lehren, die Wahr­heit zu sa­gen, und sie gleich­zeitig auf ein Leben im Land der Lügen vorzu­bereiten. Nach dem geschrie­benen Gesetz sollte man immer die Wahr­heit sagen, doch das unge­schrie­bene hieß: Wenn du die Wahr­heit sagst, wirst du Kum­mer ernten.

    Erziehung in der schwierigen Kunst des Überlebens

    Sie lehrten uns Lügen, an die sie selbst nicht glaubten, weil sie uns liebten und uns retten wollten. Denn in unserem Land wurde mit Worten ein töd­liches Spiel getrie­ben. Man musste die rich­tigen Worte aus­sprechen und die falschen ver­schwei­gen. Niemand zog diese Gren­ze of­fiziell, doch jeder spür­te sie in sich. Die Dis­siden­ten verstießen gegen diese Spiel­re­geln – aufgrund ihres selbst­mör­de­rischen Ver­ständnisses für Gefüh­le der persön­lichen Wert­schät­zung (so lau­tete Solschenizyns be­rühmter Aufruf: „Nicht nach der Lüge leben“). Auch uner­schrocke­ne junge Leute ver­stießen da­gegen – aus Dumm­heit.

    Die Lehrer versuchten, diese wahrheitsliebenden Jugendlichen zu retten, indem sie ihnen eine belebende Dosis Furcht einimpften. War das im Moment ein biss­chen schmerz­haft, so immunisierte es doch für das ganze folgende Leben. Viel­leicht hatte man uns Chemie oder Englisch nur schlecht bei­ge­bracht, doch wir erhielten eine bei­spiel­haf­te Er­zie­hung in der schwie­rigen Kunst des Über­le­bens – das eine zu sagen, aber das an­dere zu den­ken und zu tun.

    Diese Lüge darf keinesfalls als Sünde bezeichnet werden – in ihr kon­zen­trier­te sich die ganze Kraft der Vitalität, die Stärke der Über­le­bens­geis­ter. Jeder, der ge­boren wurde, fand sich in die­sem geschlos­senen Kreis aus Lü­gen wie­der. Doch warum? Wie konn­te es so kom­men? Ich kann mich erin­nern, wie mich als Jugend­li­cher die ein­fache Er­klä­rung über­rascht hat, die ich da­zu im Arti­kel „Das Para­dox der Lüge“ ge­le­sen habe, den der ver­botene Philo­soph Niko­lai Ber­djajew 1939 im Exil über die Dik­ta­tu­ren von Hitler und Stalin ge­schrie­ben hatte: „Die Men­schen le­ben in Angst, und die Lü­ge ist ihre Waf­e zur Ver­tei­di­gung.“ Die Macht­haber fürch­te­ten sich vor ihrem ei­ge­nen Volk und lo­gen deshalb. Und die Bevöl­ke­rung machte bei die­ser Lü­ge mit, denn sie fürch­tete sich wie­de­rum vor der Macht.

    Die Machthaber und ihr Volk hatten einen Gesellschafts­vertrag mit­einander ge­schlos­sen: Wir wissen, dass wir lügen und dass ihr lügt und werden weiter lü­gen, um zu über­leben. Mit diesem contrat social sind Generationen groß geworden.

    Gefängnisstaat bricht in sich zusammen

    Ich weiß noch, wie wir vom Reaktorunglück in Tschernobyl erfahren ha­ben. Ich arbei­tete damals an einer Schule. In der Pause rannte ein sicht­lich er­reg­ter Phy­siker zu uns ins Lehrer­zimmer, der von einem Be­kann­ten hinter vorge­haltener Hand über die Ka­tastrophe unter­richtet worden war. Ihm glaub­ten wir sofort. Er, und nicht die Regierung, sagte, man solle die Kinder in die Häuser holen.

    Die offiziellen Kanäle schwiegen noch lange, und dann berichteten sie zwar über die Er­eignisse, beschwichtigten aber gleich­zeitig, es bestehe über­haupt keine Gefahr. Die Bevöl­ke­rung wusste bereits, was das bedeutete: Wenn sie sagten, es gebe keine Gefahr, dann stand es nicht gut.

    Ein gespaltetes Bewusstsein – das eine zu sagen und etwas anderes zu den­ken und zu tun – machte die Wirk­lichkeit einer ganzen Nation aus. Wenn sich eine Lüge von sich selbst ab­schot­tet, wird sie fä­hig, eine neue Realität zu kon­struieren. Die­se Reali­tät sind wir. Und alle wir Rus­sen, die heute leben, kommen aus ihr. Sowohl Regierungs­befürworter wie auch Opposi­tionel­le.

    Gegen Ende des 20. Jahrhunderts fand in Russland ein Wunder statt. Die obersten Sklaven starben einer nach dem anderen, und unser Gefängnis­staat brach einfach in sich zu­sammen. Von Mitte der achtziger bis zu Beginn der neunziger Jahre er­hielt mein Volk die einzig­artige Mög­lich­keit, sein Leben neu auf­zubauen, eigene Ent­schei­dun­gen zu treffen. 1991 befrei­ten wir uns zwar von der Kommunis­tischen Partei, doch von uns selbst konn­ten wir uns nicht be­freien. Unser gewohn­ter Ge­sellschafts­vertrag blieb auch nach dem Zerfall der UdSSR in Kraft.

    Demokratie – das bedeutete Chaos

    Wir waren naiv. Alles erschien so einfach und offen­sicht­lich: Unser Land ist von einer Ban­de von Kom­munisten ein­genom­men worden, und wenn man die Partei ver­jagt, werden sich die Grenzen öffnen und uns eine Rückkehr er­mög­li­chen in die Fami­lie der Na­tio­nen, die nach den Gesetzen der Demo­kratie, der Frei­heit und der Per­sönlichkeits­rech­te le­ben. Die Worte klan­gen wie ein wunderbares Mär­chen über die unerreich­bare Zukunft – Parlament, Republik, Ver­fas­sung, Wahlen.

    Irgendwie dachten wir gar nicht daran, dass all diese Worte bei uns bereits Wirklich­keit waren – immerhin galt die Verfassung Stalins aus dem Jahr 1937 als „demo­kra­ti­schste Ver­fas­sung der Welt“ –, und auch an Wahlen nah­men wir regel­mäßig teil. Wir ver­gaßen, dass alle gu­ten Worte, wenn sie die Gren­ze zu unserem Heimat­land über­quer­ten, plötzl­ich eine ganz an­dere als ihre ur­sprüngliche Be­deutung annahmen.

    Demokratie – das bedeutete Chaos. Parlament – ein Ruheposten für das Ganoven­tum. Brot – Tinte. Wer hätte damals gedacht, dass die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei zwar ver­schwin­det, wir aber die­selben bleiben – und mit uns auch all die gu­ten Wor­te: Demo­kra­tie, Par­lament und Ver­fas­sung wur­den ein­fach zu Schlag­stöcken im end­losen Kampf um Macht und Geld im neuen Russ­land.

    Es erwies sich als unmöglich, die Wächter zu verjagen, denn jeder war sich selbst ein Wach­pos­ten. Wenn der Aufruhr im Sträflingslager nicht unter­drückt werden konn­te, so hörte er irgend­wie von selbst auf, und er endete einfach damit, dass die Leu­te in ihre Baracken zurück­kehrten. Schließ­lich muss­te man weiterleben. Die Ord­nung stell­te sich von selbst wieder her. Die gleiche Ord­nung wie früher – denn eine andere kannte dort niemand. Und wieder be­setzten die Stärk­sten die besten Pritschen und dräng­ten die Schwachen zum Abort.

    Staatliche Mittel verschwinden in den Taschen der Beamten

    Die kommunistische Lüge wandelte sich zu einer demokratischen. Die Leute wur­den nun unter demo­kratischen Losungen aus­geraubt. Die Cli­que ehe­ma­li­ger Par­tei- und Komso­mol­funktionäre teilte alle natür­lichen Ressour­cen unter sich auf und beeil­te sich, sie so schnell wie mög­lich ins Aus­land zu ver­kau­fen, um heute reich zu wer­den, ohne an die Zu­kunft des ei­genen Landes zu den­ken. In diesem Licht sieht der unter­drück­te, größte Teil der Be­völke­rung heute die demokratischen Reformen der neunziger Jahre.

    Denn hinter der Maskerade des 21. Jahr­hunderts treten die ewigen rus­sischen Konstan­ten über­deutlich hervor: ein Haufen Diebe, Beamte und Oligarchen, die den Reich­tum des Landes an sich geris­sen haben und keine Sekunde daran den­ken, mit der armen, versoffenen Be­völkerung zu teilen. Das Geld für die bald aus­verkauften Boden­schätze fließt in den Westen und wird nicht in rus­sische Straßen, Kranken­häuser oder Schu­len inves­tiert. Staat­li­che Mittel, die für soziale Zwecke zur Verfügung gestellt werden, kommen größten­teils nie an ihrem Be­stim­mungs­ort an, sondern ver­schwin­den in den Taschen der Beamten.

    Die Fingerabdrücke aus Lügen bleiben dieselben. So wie in der UdSSR schwin­delt auch die russische Propaganda eine andere Realität vor. Die Automobil­industrie ist zu­sammen­gebrochen, die Flug­zeugherstellung ebenfalls; Raketen werden zwar noch abgeschos­sen, doch sie stürzen regel­mäßig ab; die Hälfte aller Nahrungs­mittel wird impor­tiert, Haus­halts­geräte kommen zu beinahe 100 Prozent aus dem Ausland. Das Land pro­duziert praktisch nichts mehr, der Staats­haus­halt gründet allein auf dem Verkauf von Öl und Gas, doch das Fernsehen erklärt der Bevölkerung, „Russ­land erhebe sich von den Knien“.

    Putin begann seine Regentschaft sogleich mit Lügen. Als er den zweiten Tsche­tsche­nien­krieg vom Zaun brach, erklärte er gleich­zei­tig den Mas­sen­medien den Krieg. Lügen um­hüll­ten den Unter­gang des U-Bootes Kursk, Explo­sionen in Moskauer Wohn­häusern, die Tragö­die in Beslan, die Gei­sel­na­hme und deren tödlichen Ausgang im Musicaltheater Nord-Ost.

    Ungemütliche Suche nach der Wahrheit

    Gleichzeitig mit der Zunahme der Lügen steigt die Popu­larität des Staats­führers. Lügen gibt es nur dort, wo man nach der Wahr­heit sucht. Doch da, wo man nicht sucht, da gibt es auch keine Lü­gen. Allein nach der Wahr­heit zu suchen, wird un­gemütlich.

    In Tolstois Roman „Anna Karenina“ fragt Levin einen Bauern: „Michaj­litsch, was hältst du vom Krieg? Was fin­dest du? Sollen wir für die Chris­ten kämpfen?“ Die Ant­wort: „Was soll man da den­ken? Zar Alexander Nikola­jewitsch denkt doch für uns, das hat er immer ge­macht. Er kennt sich da besser aus.“

    Dem Großteil der Russen erging es schlecht in der markt­wirtschaft­lichen Pseu­do­demokratie. Das sich satt geges­sene Land wurde von Sehn­sucht ergriffen. Gene­ration für Ge­neration hat man den Menschen alles weg­ge­nom­men und ihnen zur Kompensa­tion das stolze Gefühl ver­mittelt, Bürger eines riesi­gen, ruhmreichen Imperiums zu sein. Für sie wurde gedacht, für sie wurde ent­schieden, sie wurden geleitet. Eine solche Leere empfindet wohl ein aus dem Armeedienst entlassener Berufssoldat. Plötzlich muss man Verantwortung für sein ei­genes Leben über­nehmen, den eigenen Weg finden, selbst den­ken.

    Die Menschen vermissten die Eindeutigkeit, die Ordnung, die Obrig­keit. Die rus­sische Schwer­mut. Sehnsucht nach einem ein­deutigen Welt­bild. Nach der Unter­teilung in eigen und fremd. Nach einem weisen väterlichen Anführer. Nach einem großen Sieg. Nach der Größe des Heimatlands. Die Propaganda keimt auf diesem gut vorbereiteten Boden.

    Patriotismus als Sicherung der diktatorischen Macht

    Die Fernsehbilder der Leiche Gaddafis waren für diejenigen, die mein Land in Gei­sel­haft genommen haben, ein Wink aus den Weiten des Welt­alls. Hun­dert­tausende Men­schen, die sich mit den gefälschten Wah­len 2011 nicht ab­fin­den woll­ten und sich auf den Plätzen Mos­kaus versammelten, zwangen den selbst er­nann­ten Herr­scher im Kreml zum Nach­den­ken. Der Sieg des Maidan und die würde­lose Flucht von Wiktor Janu­kowitsch riefen Panik her­vor und for­derten sofor­tiges Handeln. Denn wenn die Ukrainer ihre Bande ver­ja­gen konnten, so könnte dies dem Bruder­volk zweifel­los als Beispiel dienen.

    Als Erstes zog das Fernsehen in den Krieg. Das Medium zur Mas­sen­in­for­mation wan­delte sich in eine Massenvernichtungswaffe. Die Lüge ist die Verteidigungs­waf­fe ei­nes Re­gimes vor seinem Volk. Nun wurde ein von allen Diktaturen erprob­tes Mit­tel heran­gezogen – ein äußerer Feind. Vor unseren Augen wandelten sich die Ukrainer zu „Ukro­fa­schis­ten“. So wur­den die visio­nären Worte Churchills Wirk­lich­keit: „The fascists of the future will be called anti-fascists.“ Wieder wurden die Russen in einen Krieg gegen den Fa­schis­mus gerufen.

    Zum x-ten Mal in der Geschichte beruft sich ein Diktator zur Siche­rung seiner Macht auf den Pa­trio­tismus. Von den Fernseh­bild­schirmen hallt es nun hysterisch: „mäch­tiges Russ­land“, „wir er­heben uns von den Knien“, „die Rück­kehr der russischen Länder“, „die Vertei­digung der rus­sischen Sprache“, „das Sammeln der russischen Erde“, „wir retten die Welt vor dem Fa­schis­mus“. Und na­tür­lich schreitet unser Füh­rer ganz an der Spitze voran: Putin im Panzer, Putin im U-Boot, Putin im Flugzeug.

    Abermals wird die Geschichte umgeschrieben, man lässt ihr nur noch krie­gerische Siege und erkämpften Ruhm und unterstreicht die Losung des stalinistischen Ge­lehrten Michail Pokrowski: „Geschichte ist Politik, die sich der Vergangenheit zuwendet“ – und bei dieser Gelegenheit auch die Lo­sung des tota­litären Regimes in Orwells „1984“: „Wer die Gegenwart beherrscht, be­herrscht auch die Vergangen­heit, und wer die Vergangen­heit beherrscht, der wird auch in Zukunft herr­schen.“ In die Schul­bücher wurde bereits ein Kapitel über die ruhm­reiche Rückkehr der Krim eingefügt. Das folgen­de Kapitel muss noch ge­schrieben werden: Kiew kriecht wie ein ver­lorener Sohn in die offenen Arme der russischen Welt.

    Krieg ist Krieg

    Der Krieg mit der Ukraine passt vollständig in jenes Korsett aus Lügen, das gan­zen Ge­ne­rationen vertraut ist. „Auf der Krim gibt es keine russischen Sol­daten“, heißt es unver­froren. Den eigenen Leu­ten ist alles klar; der Ge­sell­schafts­vertrag der Lüge behält seine Gül­tig­keit. Dann wird das Of­fen­sicht­liche mit selbst­zufriedenem Lächeln be­stätigt: „Auf der Krim waren russische Truppen.“ Im Westen wun­dert man sich, wie man sein ei­genes Volk so scham­los be­lügen kann. Doch die Bevöl­ke­rung nimmt das nicht als Lü­ge wahr. Krieg ist Krieg, wir verstehen doch alles, es geht darum, den Feind zu täuschen. Das ist kein Laster, sondern eine Tugend.

    „In der Ukraine kämpfen keine russischen Soldaten.“ – „In der Ukra­ine gibt es kei­ne russischen Panzer.“ – „Die Boeing wurde von Ukrainern abge­schossen.“

    Das alles gab es schon oft, auch dass man über Leichen geht. Das sowje­tische Ra­dio über­trug einst folgende in Umlauf gebrachte Lüge: „Tass, die rus­si­sche Nach­richten­agentur, teilt mit, dass sich kein sow­jetischer Sol­dat auf dem Terri­torium Koreas be­findet!“ So gab es auch keine sowjetischen Soldaten in Ägypten, in Al­ge­rien, im Jemen, in Syrien, in An­gola, in Mo­sam­bik, in Äthiopien, in Kambodscha, in Bangladesch oder in Laos. Wenn sie das Glück hat­ten, am Leben ge­blieben zu sein und dann nach Hause ka­men, wurde ihnen an­ge­ordnet: kein Wort!

    Die Heimat verleugnete sie – erst in den neunziger Jahren erkannte man sie an und sub­sumierte sie als Teil­nehmer kriegerischer Hand­lungen unter den Ge­setzes­paragrafen „Über die Veteranen“. In diesem Gesetz ist eine Auf­zäh­lung der „unsicht­baren Kriege“ aufge­führt, in de­nen unsere Sol­daten und Of­fi­ziere gekämpft haben, deren Teil­nahme jedoch kate­gorisch und grim­mig von unseren Re­gierungen ver­neint wurde. Die zukünf­tigen Gesetz­geber werden auch die Ukra­ine in diese Liste auf­neh­men müssen.

    Putins Wählerschaft ist mit seinen Lügen einverstanden

    Ich erinnere mich, dass der Mutter eines meiner Klassen­kameraden, der in Af­gha­nistan gefallen war, verboten wurde, auf dem Grab­stein den Ort seines To­des anzu­geben. Heute, wenn die „Fracht 200“ aus der Ukraine nach Russ­land kommt, wird den An­gehö­rigen der in der Ukra­ine Gefal­lenen auch nicht er­laubt, ihre Gelieb­ten öffent­lich beizu­setzen. Wie­der werden in mei­ner Hei­mat Be­gräb­nisse im Ver­bor­genen durch­ge­führt.

    Niemand glaubt an die massenweisen Infarkte und Gehirn­schläge, die jene Sol­daten aus einer Ecke bei Rostow getroffen haben sollen, als sie im Ur­laub waren – alle ver­stehen alles. Und nie­mand verletzt den contrat social der Lüge. Der Vater eines Fall­schirm­jägers, der ohne Bei­ne aus der Ukra­ine nach Russland zurückgekommen ist, hat auf Face­book ge­schrieben: „Mein Sohn ist Sol­dat, er hat seine Befehle aus­ge­führt, deshalb hat er, was auch im­mer mit ihm ge­schieht, rich­tig ge­handelt, und ich bin stolz auf ihn.“

    Wenn Putin seinem eigenen Land ins Gesicht schwindelt, wissen alle, dass er lügt, und er selbst weiß, dass es alle wissen. Doch seine Wähler­schaft ist mit sei­nen Lügen­geschich­ten ein­verstanden.

    Wenn Putin den westlichen Politikern unverfroren ins Gesicht lügt, schaut er mit of­fen­sicht­lichem Interesse und nicht ohne Spaß auf ihre Reak­tionen, sonnt sich in ihrer Fas­sungs­losigkeit und Hilflosigkeit. Zu solchen Lügen sind sie nicht be­reit. Die west­li­chen Poli­ti­ker schwindeln an­ders, im de­mo­kra­ti­schen Euro­pa herrscht ein an­derer Algo­rithmus der Lüge. So kön­nen sie bei­spiels­wei­se nicht ihre Sol­da­ten zum Ster­ben schicken und sich gleich­zei­tig von ih­nen los­sa­gen wie in Russ­land. Das wür­de ihre Wäh­ler­schaft nie­mals ver­ste­hen und ver­zeihen.

    Wird Europa diesem Tsunami der Lügen etwas entgegen­setzen kön­nen, oder wird es den Puti­nischen Gesellschaftsvertrag akzeptieren?

    Man muss die Ukrofasch­isten zerschlagen. In der Ukraine gibt es keine rus­si­schen Pan­zer. Brot – ist Tinte.