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pepitahutEiner war so ehrlich und hat zugegeben, dass er mit dem Hahnentritt-Schal von Vaclav Klaus in „Endlich einen ge­fun­den“ nix an­zu­fan­gen wuss­te. Kin­ners, sacht doch wat. Hat ja zum Glück nicht je­der am ei­ge­nen Leib er­fah­ren müs­sen, was das be­deu­tet. Also, nun passt mal schön auf, denn ich er­zähl jetzt eine wah­re Ge­schich­te:

    Es war einmal ein kleiner Waldi, der diesen Rufnamen gehasst hat, aber sei­nen Hut geliebt. Den Hut hat er vom Papa geschenkt bekommen. Papa war ein Pepík. Pepík, das ist ja eigent­lich ein Kose­name … Josef. Aber dort, wo Papa herkam, war es das Gegen­teil, die Grenz­region zwischen Po­len und Tschechien. Und als ob das noch nicht ge­nug wäre, ist mein Vater auch noch auf der Gren­ze von Böh­men und Mäh­ren gebo­ren. Deshalb sprach er auch besser Pol­nisch als Tschechisch und ob­wohl er Art. 116 Abs. 2-GG-Deutscher (aka Beutedeutscher in der speziellen Form des Sudeten) war, nur schlecht deutsch. War er nach dem Krieg in Schle­sien … ähmm Po­len, um was abzu­greifen, dann war er dort Tscheche und hat des­halb, als er beim Schmug­geln er­wischt wurde, auch etwas län­ger und „besser“ sitzen müssen: Ein Jahr Festungs­haft. Kam er wieder in die Tschechei, war er für die dort Beneš-Beglück­ten der Polack … was noch gut war, jeden­falls besser als deutsch. Ähn­lich war die Rum­schub­serei zwischen Böh­men und Mäh­ren. Lan­ger Re­de we­nig Sinn: Papa war ein Pepík. Und als er davon die Schnau­ze voll hatte, hat er sich in Polen (denn die waren weniger nationalistisch als seine „Lands­leute“) eine Ar­beit und ein Mädel gesucht … meine Mutti … und ein paar Jahre später, vier, um genau zu sein, haben sich die Bei­den mich ge­schnappt und mich in den Wes­ten ent­führt 😯 Als alle im tiefs­ten Win­ter im Vieh­wa­gon in den tiefs­ten Schlaf gefal­len waren, nicht nur das Vieh, sondern auch Mutti und Papa, macht jemand mit Ge­polter die Tür zur Kontrol­le auf. Mann habe ich einen Schreck bekommen, denn ich kau­erte di­rekt an der Tür, die eher ein zu­giger (wie pas­send, war ja ein Eisen­bahn­vieh­trans­port) Ver­schlag war. Aber der echte Schock kam noch, denn da starrten mich zwei große weiße Au­gen in einem fürchter­lich schwarzen Ge­sicht an und als der Schre­cken auch aus dem schwar­zen Gesicht ge­wichen war, da murmelte mir der etwas in einem kru­den Kauder­welsch zu, von dem ich später erfahren habe, dass es ameri­kanisch gewesen sein soll. Wir hatten es geschafft, wa­ren im Westen. Ach ja, der Hut.

    Jetzt kam mein erstes Geschenk im Westen … nein, nicht der Hut, noch nicht. Dieser Bimbo hielt mir was Gelbes unter die Nase … muss wohl was ausge­hungert gewirkt haben. Keine Ah­nung was das war und was man damit machen konn­te, denn so was hatte ich noch nicht gesehen. Da ward Mama wach und sagte: Das ist eine Ba­nane, die kannst du essen. Aha, wollte mich Bimbo also mit einer Bana­ne nicht aus dem Ur­wald, aber aus meinem Vieh­wagon locken. Ver­kehrte Welt … sonst lockt man mit Bananen doch … nee, dat sach ich jetzt nich :mrgreen:

    Ein paar Stunden später bekam ich schon wieder ein Geschenk, einen Holz­bau­kasten … OK, ich überspringe die weiteren Geschenke und komme zum Hut. Ich ging noch in die Volks­schu­le. So nannte man das damals noch … ich glau­be heute sagt man dazu Grund­schule, oder ist das schon die Sekun­dar­stufe … neee, solche Piselli-Hirne haben wir noch nicht heran­ge­züchtet. Jedenfalls hat mir Papa diesen wun­der­samen Hut ge­schenkt, ge­nau­so wie den oben ge­zeigten, nur das Hutband war schmaler … aber viel­leicht kommt mir das heute nur so vor, denn damals war mein Kopp und somit auch der Hut noch kleiner. Übrigens, den Kopp hab ich noch, nur den Hut gibt es nicht mehr … und das kam so:

    Der Hut hat mir schon in der Schule nix als Ärger bereitet, fast so wie der „Waldi„, aber wenn sie mir meinen geliebten Pepita Hut von meinem Pepík-Papa in der Schu­le wieder einmal ge­klaut hatten, dann habe ich ihn doch immer wieder zurück bekommen. Wahr­schein­lich aber nur, um mich am nächs­ten Tag wieder damit är­gern zu können. Anyway: Dann kam die große Rei­se in die „Heimat“, also dort, wo ich noch nie vorher war: die Grenz­region Polen/Böh­men/Mäh­ren … natür­lich mit Hut … Oma besuchen, also die von Papa, nein doch, seine Mutter. Ich kannte diese Frau nicht, hatte sie nur auf Fotos ge­sehen, aber ich muss­te so heulen, als ich ihre alten, rie­sigen knöch­rigen Hände in meine Hände genom­men habe und da­ran denken muss­te, wie diese Frau sie­ben Kin­der heil und lebend durch den WWII gebracht hatte. Und dann bin ich auf die Straße ge­gangen in diesem frem­den Land, das doch meine Heimat gewe­sen sein soll, oder zu­mindest die mei­nes Vaters. Und da bin ich dann unter die Räuber ge­fallen. Man­che waren älter, aber man­che auch jün­ger als ich, eben tschechi­sche Schul­kinder. Mit einem hat es an­ge­fangen. Der trau­te sich noch nicht so richtig ran, aber der rief immer „Pepík! Pepík! Pepík!“ … ganz laut. Ach, viel­leicht soll­te ich er­wähnen, dass ich den Begriff gar nicht kannte. Tsche­chisch konnte ich natür­lich auch nicht, son­dern nur deutsch, pol­nisch und russisch … was man in einem spät­sta­li­nis­tischen Kin­der­garten hinter dem Eiser­nen Vor­hang halt so lernt. Al­so deutsch hat mir natür­lich Mama bei­gebracht und Pol­nisch deren Mama, also meine andere Oma, die dann später auch in den Westen riieberjemacht hat.

    Ich glaube, ich schweife immer wieder ab. „Pepík! Pepík! Pepík!“ … und es wurden immer mehr, die mir hinterher riefen und liefen und ich lief natür­lich auch, denn das war mir doch ungeheuer. Aber ich bin nicht der Rattenfänger von Hameln und so kamen mir die Kerle auch entge­gen. Einge­kesselt! Hut weg! Ein paar Schläge und blaue Flecken, heulend nach Hause ge­rannt … nicht in die BRD, sondern zu Omas Haus und da habe ich das dann erzählt. Tja und was machen die­se „Pepíks„: Sie grinsen 😯 Sie haben mich dann über das aufgeklärt, was auch in dem Zeit­artikel steht und der ehrlich Anfra­gende nicht ge­funden oder nicht ver­standen hat, denn natürlich hat Vaclav Klaus nix mit der PLO zu tun, aber es ist ja auch keine Er­findung der PLO, dass deren Feudel an Hals und/oder Kopp Pepita-Muster hat. Pepita ist übri­gens auch nur ein Kose­name für „Josef„, so wie Pepík, halt nur weiblich, also Jose­fine. Aber wer nennt heute noch so seine Toch­ter. Ach ja, in der ZEIT steht: „Heute hat das Tuch mit dem schwar­zen oder roten Hahnen­tritt-Mus­ter wieder eine poli­tische Mes­sage: Neonazis benutzen es als anti­semi­ti­sches Symbol.“ Heute? In der Tschechei war das nie anders, weswegen ich mich auch erdreistet habe, den Klaus einen verkappten Neonazi zu nen­nen. Aber das weiß nur, wem als Kind der Hut geklaut wurde.

    Zurück bekommen habe ich ihn nicht, obwohl ich meine Missetäter am fol­gen­den Tag wieder ge­troffen habe. Aber da haben wir dann was anderes gespielt: Fußball!

    Jetzt wird sich der eine Leser, der bis hier durchgehalten hat (ich hoffe es gibt einen) vielleicht fragen, warum mich Vater und Groß­mutter nicht ge­warnt haben, als ich stolz mit meinem gelieb­ten Hut in der CSSR auf die Straße gegangen bin, diese fiese Möpp. Die Ant­wort über­las­se ich Johnny Cash: „A Boy Named Sue

… oder wie der Alltags-Philosoph Erwin C. jetzt gesagt hätte: „Das Leben ist die beste Schule“