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TD_160_MKIIIch bin ein Genie, oder könnte eines sein, wenn ich bloß nicht zwei linke Hände hätte. Theoretisch kann ich (fast) alles, praktisch (fast) nix. Zum Glück bin ich kein Chirurg geworden. Operation geglückt, Patient tot, wäre noch mein geringstes Problem. Zum Thema: Ich bin stolzer Besitzer eines uralten Thorens TD160 MK II. Das ist ein (analoger) Plattenspieler, für die Kids der digitalen Generation. Als ich das Teil vor gut 30 Jahren gekauft habe, war noch DIN wuerfelstecker angesagt und demnach hatten Audio-Ausgänge Würfelstecker zu haben. No problem, denn der Phono-Eingang meines damaligen Receivers (Tandberg) Cinchhatte auch „Würfel“ (Bild rechts. Im Bild links oben sehen Sie einen TD160 MK II, aber nicht meinen *). Der Tandberg kam in die Jahre und mit ihm der Würfel. Die nächste Anlage (von Denon – die habe ich noch immer und nach rund 20 Jahren funzt außer dem Kassettenspieler noch alles) kannte nur noch Cinch-Stecker (links im Bild). Что делать (Was tun?), würde Lenin fragen. Einen neuen Plattenspieler kaufen? Kommt nicht in Frage! Der alte tut’s (bis heute immer) noch. Also: Schnipp den Würfel ab und Cinch angeklebt.

Angeklebt meine ich wörtlich … mit Isolierband. Umzüge, neue (Audio-)Möbel, die kleinste Erschütterung und die Klebeverbindung war hin (oder brummte). Seit ein paar Wochen geht gar nichts mehr, wenn ich nicht an der Klebestelle solange rüttele, bis zufällig Töne rausfallen. Ultimo April, kurz nach 6 Uhr in der Früh war mein erster Gedanke: „Ein neuer Plattenspieler muss her“. Der zweite Gedanke: „Biste bescheuert?“ So ein Thorens hält ewig und nur wegen deiner selbstgemachten Kleberei soll er auf den Müll? Entweder du kannst ein Cinch-Kabel anlöten, oder „Müll“ brüllen. Also frisch ans Werk … zuerst ein High-End-Kabel besorgt, so mit vergoldeten Steckern und so. Brauchen Sie zwei? Die habe jetzt übrig, weil abgeschnitten, denn auf einer Seite muss das Kabel an die … ich nenne es mal „Brücke“ angelötet werden.

Um diese Brücke zu sehen, musste ich den Thorens am Boden aufschrauben. Das war für meine linken Hände schon eine Herausforderung. Hinter der simplen Spanholz-Bodenplatte verbirgt sich u.a. ein kleiner weißer Kasten. Der ist innen mit Blech ausgekleidet und schirmt die empfindlichen Teile ab und das ist nur die „Brücke“. Mehr ist in dem Kästchen auch nicht drin. Auf der einen Seite der Brücke kommen die Leitungen des frisch erworbenen Cinch-Kabels an und von der anderen Seite die Drähte vom Tonabnehmer. Man muss zum Kabelwechsel also nur eine Seite ablöten und vier Drähtchen neu in der richtigen Reihenfolge (Masse links – Signal links -Signal rechts – Masse rechts) wieder anlöten. Kann ja nicht so schwer sein, wenn man vier Hände hat: eine hält die Brücke, die andere das neue Kabel, die dritte den Lötzinn und die vierte die Lötpistole (und zwischen den Zähnen klemmt die Taschenlampe, damit man im Gehäuse nicht den Überblick verliert).

Na was soll ich sagen: Ablöten ging prima, anlöten auch und weils so gut geklappt hat, habe ich beim anlöten des neuen Kabels gleich die Drähte vom Tonabnehmer mit abgelötet. Die Lötstellen sind so nahe beieinander, dass man das in einem Aufwasch mit erledigen kann 😆 Scheiße! Also wieder anlöten. Aber diese Drähtchen, die ja gar nicht abgelötet werden sollten, sind dünn wie Frauenhaar und die Reihenfolge hatte ich mir schlauerweise nicht gemerkt, weil das ja unnötig gewesen wäre. Aber das Netz hilft: blau – weiß – rot – grün. Beim Anlöten habe ich wieder auf der anderen Brückenseite abgelötet und vice versa. Was solls, nach zwei Stunden, einigen Brandblasen und überall Perlen von Blödzinn kam Johannes 19, 30: „Es ist vollbracht“. Testen, funzt, also zusammenschrauben, Platte drauf, hören. Wat denn dat … links nur Brummen. Alles klar, doch nicht Johannes, sondern Markus 15, 34: Masse und linkes Signal haben Kontakt (אלי אלי למה שבקתני). Also wieder auf, Lötstellen prüfen – der Übeltäter saß natürlich auf der trickigen Frauenhaar-Seite – zusammen, testen … brummen 👿 Es gibt da noch ein fünftes Drähtchen, alisonmoyet-alf zusätzliche Erdung, das an die Brücke muss und zwar … also da ist so eine Öse, da muss die Erde dran. Ok, wieder zwei Stunden später, mittlerweile fast besoffen (Grappa beim Löten kommt gut), war endlich Johannes 19, 30.

Gestestet habe ich mit „Alf“ von Alison Moyet. Die Platte (von 1984) ist fast so alt wie mein Thorens und auf „Honey for the Bees“ ist ein Bass drauf, mit dem man gut Stereo testen kann.

Das ist Alison 1985. Als sie noch so „pfundig“ war, klang ihre Stimme besser als heute.

Das Video ist brandaktuell (26. April 2013). PlatteMann, hat die abgespeckt. Egal, ich kann mich endlich wieder brummfrei dem Ritual, ja fast sakralen Akt des Hörens sich drehender schwarzer Scheiben hingeben: Platte aus dem antistatischen Inner Sleeve nehmen, mit der Karbonbürste von Clearaudio „streicheln“, auf den Teller legen, Riemen anwerfen und Knistern hören :mrgreen: Es knistert eigentlich immer. Dagegen gibt es (oder besser gab es) nur ein Mittel: Lencoclean. Ich bin absoluter Fan des Nasshörens. Kein Knistern und Platte und Nadel werden geschont, denn der Plattenmeißel rutsch wie bei Aquaplaning durch die Rille. Aber: einmal nass, immer nass. Wenn sie eine nasse Platte trocken hören wollen, dann knistert es jetzt zehnmal stärker und Lencoclean gibt es nicht mehr.

Was solls, schon vor 30 Jahren hab ich das überteuerte Zeug selbst gebraut. Hier mein Rezept: ein Drittel Propylalkohol aus der Apotheke, zwei Drittel Aqua destillate (nicht aus der Autobatterie 🙄 ) und ein Tropfen Spülmittel (denn Pril entspannt das Wasser 😎 )

Tja, so bin ich … mittlerweile total blau … Grappa fast leer … mit Alison Moyet in den Mai getanzt und jetzt läuft Samba Pa Ti in der quadrophonen Version … GEIIIIIL!

Im Clip wird „Black Magic Woman“ eingeblendet (das spielt Carlos in dem Video auch), aber der Ton ist natürlich „Samba Pa Ti“.

* Das Foto vom Thorens TD160 MKII habe ich im Internet gefunden. Hier ist das Original des Bildes. Keine Ahnung, wer Urheber ist. Im Impressum der Seite steht ein Marcus Pohl aus Brühl. Vielleicht sollte ich mal rübergehen 😆